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Österreichs Friedensmission auf Kreta 1897 - 98

Vorgeschichgte
Im Zuge des Wiener Kongress 1815 wurden unter anderem Dalmatien mit den Häfen Ragusa und Cattaro,zugesprochen, womit die Habsburgermonarchie einen entscheidenden Einfluss in der Levante, wie die Region des Südbalkans und das östliche Mittelmeer damals genannt wurden, gewonnen.
Ab den 20-er Jahren des 18. Jahrhunderts wurde Triest nicht nur zum Hauptumschlagplatz für den Warenverkehr, sondern auch Flottenbasis der bis dato stiefmütterlich behandelten kaiserlichen Kriegsmarine.
Um der dringenden Forderung der Handelsschiffart nachzukommen, sah sich Österreichs militärische Führung gezwungen, den Ausbau der Flotte zu forcieren, so dass sie im Laufe der nächsten Jahrzehnte in der Lage war, den Mittelmeerraum im Verein mit den anderen Seemächtennachhaltig zu sichern.
Als Österreich im Berliner Kongress von 1878 das Mandat über Bosnien-Herzegowina zugesprochen wurde, kam noch ein vitales Interesse an der politischen Entwicklund der gesamten Balkanregion und damit eine enge politische Verknüpfung mit dem Osmanischen Reich hinzu.
Daraus ergab sich zwangsläufig die politische Verpflichtung des Eingreifens, sei es zur Wahrung der politischen und wirtschaftlichen Interessen, aber auch zum Schutz von Verfolgung und Misshandlung bedrohter Volksgruppen.
Österreichs Rolle in der Balkanpolitik des 19. Jahrhunderts mag zwar von den imperialen Vorstellungen, wie sie zu dieser Zeit üblich waren, getragen sein, im Gegensatz zu den mitbeteiligten Großmächten, wie Großbritannien, FrankreichFehlern, Italien und dem Deutschen Reich, für die das Mittelmeer die strategische Basis und Zugangsmöglichkeit ihrer Kolonien war, beschränkten sich Österreichs Interessen lediglich auf den Zugang zu den Handelsplätzen des Nahen Ostens.
Im internationalen Orchester des sogenannten Europäischen Konzerts, das zur Schlichtung der Kreta-Krise angestimmt wurde, haben Österreichs Politiker ein erstaunlich hohes Maß an Taktgefühl bewiesenl und weitgehend keine Dissonanzen verursacht.

Inhaltsverzeichnis

  1. Das Europäische Konzert
  2. Kreta am Beginn der Jahrhundertwende
  3. Der Vertrag von Halepa 1878
  4. Der Aufstand von 1896
  5. Die Intervention der Griechen
  6. Die Landung
  7. Die Seeblockade und der Admiralsrat
  8. Der Krieg der 30 Tage
  9. Die Internationale Friedenstruppe
  10. Die Wahlen zur Generalversammlung
  11. Das provisorische Verwaltungsstatut
  12. Der Abzug der Österreicher
  13. Die provisorische Regierung
  14. Die Republik Kreta
  15. Die Ablösung des Prinzen
  16. Schlussakkord
  17. Anmerkungen und Verweise

Das Europäische Konzert

Dem Beispiel Griechenlands folgend, das seine Unabhängigkeit nach einem dank europäischer Hilfe erfolgreichen Aufstand erkämpft hatte, wurde auch die mehrheitlich aus Christen bestehende Bevölkerung in den übrigen europäischen Landesteilen des Osmanischen Reiches, vom dem Wunsch Unabhängigkeit von der Herrschaft des Sultans erfasst. Eine latent herrschende Unzufriedenheit über die Verwaltung und die sehr unterschiedliche Vorgangsweise der Behörden führten immer wieder zu Aufständen, verbunden mit Massakern, die gleichermaßen von Aufständischen wie den türkischen Truppen im verübt wurden.
So war auch die unter osmanischer Herrschaft stehende Insel Kreta in den Jahren 1857, 1866-68, 1879 und 1889 Schauplatz zahlloser Revolten, welche die Selbstbestimmung und den Anschluss an das Königreich Griechenland, zum Ziel hatten.
Am 31. August 1876 folgte der junge und vielversprechende Abdülhamid II. seinem Bruder Murad V., der nach nur dreimonatiger Herrschaft wegen Regierungsunfähigkeit abgesetzt worden war, auf den Thron des Sultans nach.
Was er vorfand, waren drohender Staatsbankrott, Aufstände in Bosnien und Herzegowina und Bulgarien, sowie Krieg mit Serbien und Montenegro. Trotz dieser Verhältnisse versuchte er seine Reformbereitschaft zu demonstrieren, die liberale Reformbewegung und erließ eine Verfassung, die die Einführung eines parlamentarischen System ermöglichen sollte hätte. Doch von den verheerendern Folgen des türkisch-russischen Kriegs 1877 überfordert, setzte er die Verfassung außer Kraft und wandte sich wieder dem autoritären despotischen Führungsstil seiner Vorgänger zu.
Sultan Abdul Hamid Abdülhamit II. geb. 21. September 1842 in Istanbul; gest. 10. Februar 1918 ebenda, war vom 31. August 1876 bis zum 27. April 1909 Sultan des Osmanischen Reiches. Er war der zweite Sohn des Sultans Abdülmecid und folgte seinem Bruder Murad V. nach dessen Absetzung auf den Thron. Von der Jungtürkischen Revolte zur Abdankung 1909 gezwungen, galt er in der westlichen Welt als Inbegriff des orientalischen Despoten, wie ihn auch der Cartoonist des Punch, Lindsay Sandemann, in Erinnerung an die Massaker an den Armeniern vom August 1896 darstellte, ein Erscheinungsbild, das der Sultan nie wieder los wurde. Der Schlächter
Das hatte schlielich zur Folge, dass mit den Ausgehenden 70er-Jahren der gesamte Balkan in Aufruhr stand und die Großmächte sich zum Eingreifen veranlasst sahen. Die sollte jedoch nicht durch eine militärische Intervention, sondern in eine aud diplomatischen Wege edrzielte, dauerhafte Friedensordnung erfolgen.
Dazu versammelten sich Großbritannien, Frankreich, Italien, Russland, Deutschland und Österreich auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck am 13. Juni 1878 zum Berliner Kongress. Neben den Großmächten und den Abgesandten des Osmanischen Reichs waren auch die Vertreter Griechenlands, Rumäniens und Serbiens, die zwar kein Stimmrecht hatten, anwesend.
Das Ergebnis der Beratungen war der Berliner Friede vom 13. Juli 1878, der die Fürstentümer Rumänien, Serbien und Montenegro, für souverän und Bulgarien als Fürstentum unter osmanischer Oberhoheit erklärte. Durch diese Gebiets- und Herrschaftsveränderungen wurde die Macht der Türkei in Europa und Asien erheblich geschwächt, aber auch der Einfluss Russlands zu Gunsten Österreichs eingeschränkt, indem es mit der Okkupation Bosniens und der Herzegowina beauftragt wurde.
Damit war das Orchester der Großmächte und seiner Mitspieler zumEuropäischen Konzerteingestimmt. Um den Türken die erlittenen Enttäuschungen etwas zu mildern, wurden die Ansprüche der Griechen auf Gebiete nördlich von Thessalien abgewiesen und auf spätere Zeiten vertröstet, der Anschluss von Kreta aber kategorisch abgelehnt.
Im Gegteil - man war vielmehr bestrebt, dem Kranken Mann am Bosborus unter die Arme zu greifen und gegen die feindliche Umwelt zu schützen.
Berliner KongressAm 13. Juni 1878 eröffnete Bismarck den Berliner Kongress. Die Großmächte entsandten je 2 Vertreter: Graf Andrássy und Heinrich von Haymerle (1828-1881) für Österreich-Ungarn, Benjamin Disraeli (1804-1881) und Robert Arthur Salisbury für Großbritannien, Alexander Gortschakow (1798-1883) und Peter Schuwalow (1830-1903) für Russland, William Henry Waddington (1826-1894) und Paul Desprez für Frankreich, Alexander Carathéodory und Mehmed Ali für die Türkei. Die in Berlin akkreditierten Botschafter dieser Länder nahmen als weitere Bevollmächtigte an den Verhandlungen teil. Italien war mit nur zwei Bevollmächtigten vertreten: Luigi Corti (1823-1888) und Eduardo de Launay.

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Die seit 1651 unter osmanischer Herrschaft stehende Insel Kreta, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nachdem Griechenland seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangt hatte, ebenso zum Unruheherd geworden, sollte durch das seit 1868 geltende organische Reglementruhig gestellt werden. Dieses Reglement mussten die Osmanen nach Beendigung des griechischen Freiheitskampfes unter dem Druck der Großmächte erlassen, um die rechtliche Gleichstellung und Religionsfreiheit aller Untertanen des Sultans auf der Insel zu gewährleisten.
Im Einzelnen sollte dadurch die Bestellung der Gouverneure (Walis) und der Provinzialbeamten, die möglichst aus den Einwohnern der betreffenden Provinz (Wilajet) stammen sollten, verbessert und ein Generalrat als Volksvertretung eingesetzt werden. Weiters sollte eine Reihe von Reformen im Bereich der Justiz - Gerichtsverhandlungen mussten öffentlich geführt und in der Landessprache abgehalten werden - für mehr Rechtsstaatlichkeit sorgen.
Wie so alles in dem Riesenreich der Osmanen, erfolgte die Umsetzung dieses Organischen Reglements nur schleppend oder gar nicht. So führte in den Jahren 1879 und 1889 der wieder laut werdende Ruf nach Selbstbestimmung oder nach Anschluss an das Königreich Griechenland, zu verschiedenen Revolten, die teils vom türkischen Militär niedergeschlagen - immer aber waren diese Revolten von grauenvollen Massakern zwischen Christten und Muslimen begleitet.

Kreta am Beginn der Jahrhundertwende

Die Unruhen der vergangenen Jahrzehnte, sowie eine desolate Verwaltung hatten das ohnehin bescheidene Wirtschaftsleben Kretas schwer geschadet. Die Häfen waren in desolatem Zustand, begannen zu versanden, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft litten unter der zunehmenden Verunsicherung und fehlender Perspektiven.
Hauptstadt und Haupthandelsplatz ist Kanea (Chania), eine auf der Nordwestküste Insel gelegene, befestigte Stadt mit 10-12,000 Einwohnern, meist muslimische Türken. Die Stadt verfügt über einen leistungsfähigen Hafen mit Docks und Arsenal und ist Sitz der türkischen Verwaltung, sowie der ausländischen Konsulate. Administrativ bildet die Insel mit den umliegenden Eilanden Dia, Gavdos, Gavdopulo ein türkisches Wilajet, das in die fünf Sandschaks Kandia, Kanea, Laschid, Retimo und Sphakia zerfällt. 9

Karte Kreta 1897 Kreta ist die größte Insel im östlichen Mittelmeer und beherrscht infolge ihrer günstigen Lage die wichtigsten Seeverbindungen in dieser Region und deshalb für die Großmächte von besonders strategischer Bedeutung war. Mit 8.618 km² Fläche, 255 km West-Ost Ausdehnung und einer Breite zwischen 12 und 56 km, bildet die Insel eine über ihre Länge verlaufenden Gebirgsrücken.
Die höchste Erhebung (2.470 m) befindet sich im Ida-Gebirge, welches im Westen der Insel liegt. Die Nordküste ist durch zahlreiche Buchten gekennzeichnet, die wichtigsten davon sind die S u d a - Bai und die C a n e a - Bai.
Die einzige größere, an der steil zum Meer abfallenden Südküste, befindliche Bucht ist die M a k r y a l o - Bai.
Canea Hafen

Der Hafen

Canea - türkisch Hanya
Hauptstadt und Haupthandelsplatz im westlichen Teil der Insel in der gleichnamigen Bucht.
Seit der Eroberung durch die Türken 1651 Verwaltungssitz des Paschas und damit Hauptstadt, da die eigentliche Hauptstadt Kretas - Candia - noch 21 Jahre lang standhielt.

Regierungsgebäde

Das Regierungsgebäuzde

Kandia 1897 Panorama

Kandia
heute Herakleon und seit 1971 Hauptstadt Kretas.

Kandia 1897 Hafen

Der Hafen von Kandia

Entsprechend einer 1887 abgehaltenen Volkszählung lebten in den späten 90er-Jahren auf der Insel etwa 300.00 Personen, wovon sich mehr als zwei Drittel als griechisch-orthodoxe Christen ausgaben und rund 90 000 zum Islam bekannten. Davon gab es nur wenige ethnische Türken, da der Zuzug vom türkischen Festland gering war.
Der relativ hohe Anteil an Moslems erklärt sich vielmehr aus der Tatsache, dass ein erheblicher Teil der ansässigen Bevölkerung den Islam angenommen hatte, weil sie sich eine Besserstellung in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht erwartet hatte. Dafür wurden sie von den christlich gebliebenen Familien erst verachtet, dann im Laufe der Jahrhunderte als Parallelgesellschaft gleichermaßen geduldet, wie als wohlhabender und einflussreicher Teil der Gesellschaft verhasst war.
Das scheinbar friedliche Nebeneinander dieser sozialpolitisch unterschiedlichen Gesellschaften, konnte daher jederzeit in blanken Hass umschlagen, wie die zahllosen Revolten zeigten. Zwar gegen das rigide osmanische Regime gerichtet, galten die Angriffe vorwiegend der islamischen Bevölkerung, die man als deren Verkörperung sah. Entsprechend ihres sozialen und wirtschftlichen Status der Bevölkerung zeigt sich die Aufteilung in ihre Siedlungsgebiete.
Die Christen lebten durchwegs in dörflichen Siedlungen auf dem flachen Land, die türkischen Moslems wohnten überwiegend in den Städten Canea, Retimo und Candia.

Griechische Bauern

Christliche Bauern
Die christliche Bevölkerung stellte zwar die überwiegende Mehrheit dar, lebte aber vorwiegend auf dem Land, das sie mehr oder weniger erfolgreich bewirtschafteten.

Muslime  in Kanea

Muslimische Türken
Meist Händler, Gewerbetreibende und Beamte der Verwaltung, leben sie vorwiegend in Städten.
Der bäuerliche Anteil lebt in Siedlungen in den Bezirken Monophasti Rizon, in der Messara Ebene, Sitia im Osten und Selino im Westen.

Türken

Der Sitz des türkischen Gouverneurs in Kanea
Seit 1867 war der türkische Gouverneur ein Christ, dem ein Generalrat, bestehend aus den Vertretern aller Bezirke Kretas zur Seite gestellt war. Die Ernennung der Mitglieder, wie deren Stellvertreter erfolgte streng nach religiös-ethnischen Proporz.


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Der Vertrag von Halepa 1878

Missernten der Jahre 1863-65, der Steuerdruck und die selbstherrliche Ausübung der türkischen Verwaltung auf der einen Seite, die latente Anschlusspolitik Grichenlands auf der anderen Seite, führten 1866 zum Ausbruch eines Aufstands, der die gesamte Insel umfasste. Begünstigt durch die gebirgige Beschaffenheit der Insel, sowie die militärisch und finanzielle Unterstützung von Griechenland, konnte der Aufstand erst 1867 niedergeschlagen werden.
Bereits damals hatten die Großmächte in den Konflikt eingegriffen, teils um Griechenland an der Annexion Kretas zu hindern, teils die Türken zur Mäßigung im Vorgehen gegen die Aufständischen zu mahnen.
Sie erreichten, dass Sultan Abdülaziz 1868 ein Grundgesetz (Firman) erließ, der auch für die europäischen Provinzen der Türkei gelten sollte.
Demnach sollten die Gouverneure (Walis) aller Provinzen (Wilajets) für eine Amtszeit von fünf Jahren ernannt werden und in mehrheitlich von Christen bewohnten Wilajets christlichen Glaubens sein.
Als Volksvertretung ist ein nach ethnischem Proporz zusammengesetzter Generalrat einzurichten sei.
Ebenso sollten die Zolleinnahmen, sowie die Erträge aus Grund- und Bodensteuer zur Bestreitung der Ausgaben für die öffentlichen Arbeiten und die Gendarmerie den Wilajets zugute kommen und Urteilssprüche der Gerichte sollen in öffentlichen Sitzungen gefällt werden.

Halepa 1866

Halepa 1866
Halepa ist ein Vorort von Kania und Wohnviertel der politischen Führer und Diplomaten

Halepa Konsulat

Das Griechische Konsulat
Hier wurde der Vertrag von Halepa geschlossen

Halepa

Straßenszene um 1866

Gut gemeint jedoch infolge zögerlicher Umsetzung unwirksam, folgte die Krisenjahre von 1876/78, bis die Großmächte im Berliner Kongress, der Balkanregion eine nachhaltige Friedensordnung aufzwangen. So wurde die Pforte erneut ermahnt, den im Organischen Reglement von 1876 festgelegten Verpflichtungen nachzukommen. 4
Gleichzeitig erging an die Adresse Griechenlands die kategorische Ablehnung eines Anschlusses von Kreta, das vielmehr ein Autonomiestatut erhalten solle.
Als Gegenleistung für die offene Unterstützung der Großmächte, war die Pforte nun veranlasst, ihre früher eingegangenen Zusagen vertraglich zu festigen. Am 15. Oktober 1878 unterzeichneten der britische Konsul Thomas Sandwich im Namen der Großmächte und der Vertreter der Pforte, 5 Vertrag von Halepa benannt nach dem gleichnamigen Vorort und Nobelviertel der Hauptszadt Kanea.
Damit wurde Kreta das Autonomiestatut zugesichert und die früheren Bestimmungen des organischen Reglements entschieden verbessert:5

  • Anstelle Generalrates, sollte eine Generalversammlung aus 80 gewählten Abgeordneten - 49 Christen und 31 Moslems - gebildet werden,
  • In der Generalversammlung, wie auch vor Gerichten, sollte Griechisch als einzig zugelassene Amtssprache gelten; weiters sollten die Gerichte von der Exekutive unabhängig agieren können.
  • Eine neue Steuerornung sah vor, dass nur mehr die Hälfte der Nettoeinnahmen der Insel an die Staatskasse zu zahlen waren, während die andere Hälfte für öffentliche Arbeiten auf der Insel zu verwenden wäre.

Mit der Bestellung von Gouverneur Adossides Pascha hatte die Pforte einen geeigneten Mann gefunden, der die Verhandlungen mit den Kretern in Augenhöhe zu führen bereit war.
War schon Sultan Abdülhamit II. nicht gerade ein Reformgeist, dem an der raschen Umsetzung der Bestimmungen des Vertragswerks von Halepa besonderes Interesse nachzusagen war, waren seine Statthalter und Beamten offen und schamlos bemüht, die Vertragsbestimmung nicht nur zu verschleppen. Vor allem galt es die Steuerreform, die sie um ihre Einkünfte, zu sabotieren und nach wie vor den Großteil der Erträge in die eigenen Taschen zu wirtschaften.
Die im Vertrag von Halepa zugestandene Selbstverwaltung war praktisch wertlos, weil die diktatorischen Kompetenzen des Gouverneurs davon unberührt blieben und er jederzeit Beschlüsse der Nationalversammlung verschleppen, oder gar außer Kraft setzen konnte. So geschah es, dass in der Zeit von 1878 bis 1888 kein einziger Beschluss der Nationalversammlung, der nicht den Interessen der muslimischen Bevölkerung entsprach, Gültigkeit erlangen konnte.
Damit war der nächste Aufstand vorprogrammiert, der auch 1889 prompt zum Ausbruch kam und ebenbso postwendend blutig niedergeschlagen wurde.
Mit dem kaiserlichen Dekret vom 7. Dezember 1889 war der Vertrag von Halepa praktisch aufgehoben und um weitere Unruhen zu unterbinden, wurden rund 12 000 Mann türkisches Militär auf Kreta stationiert.
Trotz allem gab es auf der Insel Gruppierungen, die auf den friedlichen Verhandlungsweg setzten, wie das Reformkomitee für Kreta,das im Jahre 1895 von Richter Koundourakis gegründet wurde. Angesichts der bisherigen Erfolglosigkeit aller Revolten und Aufstände, folgte die Einsicht, dass Verbesserung der wirtschaftliche und politischen Lage, nur auf friedliche Weise zu erreichen sei, und ein Anschluss an Griechenland ohne Zustimmung der Großmächten nicht infrage komme. Diese Absicht des Komitees entsprach jedoch nicht den Vorstellungen der griechischen Regierung, die sich nun gezwungen sah, die Rerformbewqegung in Misskredit zu bringen. Hierfür sollte der radikale Anschlussbefürworter Eleftherios Venizelos sorgen.

Der Aufstand von 1896

Schikanen und Rechtsberüche seitens der türkischen Verwaltung fiel es Venezelos und seinen Anhängern nicht schwer, den Unmut der griechischen Bevölkerung zu schüren.
VenezelosZeiger links

Eleftherios Venizelos
( vorne Bildmitte)
und seine Anjkänger, die radikalen Befürworter des Aufstands und Anschluss´ an Griechenland.
Venizelos kämpfte seit 1888 für die Vereinigung Kretas mit Griechenland, wird 1899 bis 1901 kretischer Justizminister.

Die Aufständischen Zeiger rechts

Der extreme Flügel der Aufständischen war offen für die Vereinigung mit Griechenland von wo sie mit Waffen versorgt und finanziell untersdtützt wurdern aber auch die türkische Regierung entsandte Truppenkontingente nach Kreta.

Die Anführer

Die Zusagen einer großzügigen Unterstützung durch Waffenlieferungen und Finanzmittel seitens der griechischen Regierung gaben schließlich den Ausschlag zur Erhebung - diesmal mit berechtigter Hoffnung auf Erfolg.
Den Augtakt bildeten blutige Auseinandersetzungen wechselweise zwischen christlichen und tütkischen Bewohnern, wie in Canea, wo nach Übergriffen auf die türkische Bevölkerung im April 1896, diese ein Monat danach blutige Rache an den Christen nahm. Neben diesen gegen die Bevölkerung gerichteten Aktionen sind die militärischen Erfolge der Aufständischen eher bescheiden und lediglich Einschließung der türkischen Garnison von Vamos zu vermerken.

Massaker von Kanea

Verwüstung des Christeviertels in Kanea
Die Häuser wurden offenbar gesprengt

Griechische Flüchtlinge in Athen

Griechische Flüchtlinge in Athtn
Zahlreich Griechen fanden in Griechenland Schutz

Geschäftsviertel in Kandia

Verwüstung in Kandia
Die Zerstörung des griechischen Geschäftsviertels in Kandia nach seiner Verwüstung zeigt ebenfalls Anwendung von Sorengstoff

Türkisches Begräbnis

Beerdigung muslimischer Opfer
Rascheakte der Griechen forderten hunderte Tote unter der muslimischen Bevölkerung

Gegen die Aufständischen konnten die Türken etwa 12 000 Mann einsetzen. Sie konzentrierten sich vorwiegend auf die befestigten Städte, Festungen wie Akrotiri, Izedim, Subaaschi und Melaxa. Zum Schutze muslimischer Siedlungen auf dem flachen Land gab es noch Blckhäuser, die in Zugstärke besetzt waren. Insgesamt waren 15 Bataillone Infanterie, 2 Eskadronen Kavallerie, 4 Batterien Feldartillerie und 9 Festungs-Artillerie Kompanien auf Kreta stationiert.
Türkische Infanterei

Osmanische Infanterie
Eines der 15 Bataillone bei einer Parade in Kanea.
Das Oberkommando über die türkischen Streitkräfte führte Muschir [Marschall] Abdullah Pascha.

Türkische Artillerie

Feldartillerie in Feuerstellung
Nebe3n den 4 Batterien, gab es noch 9 Einheiten Festungsartillerie

Türkische Freikorps

Bashi-Bazouks
Die locker organisierten Freikorps der Bashi-Bazouks standen an Grausamkeit und Brutalität in nichts den Griechen nach, waren aber in der Minderzahl.
Auf ihr Konto zählen die Verwüstungen in den Christenvierteln von Kanea und Kandia.

Durch das weitflächige Auftreten der Aufständischen und deren Überzahl, war das ürkische Militär gerade noch in der Lage, den Schutz der Bevölkerung in den Städten zu gewährleisten, während die muslimische Bevölkerung auf dem flachen Lande schutzlos den Angriffen der Freischäler ausgesetzt war.
Die stellenweise erfolgten Revancheakte der Türken, insbesondere der paramilitärischen Bashi-Bazouks bewirkten, dass die Ausschreitungen noch mehr eskalierten und auch auf die ausländischen Bewohner der Insel erstrecken konnten.
Die zunehmende Besorgnis der in Canea stationierten Konsuln der Großmächte führte schließlich zu gegenseitigen Konsultationen, mit dem Ergebnis, dass nur ein gemeinsames Vorgehen zur Beruhigung der Lage führen könne.
Am 27. Mai 1896 gab der österreichisch-ungarische Konsul Julius Pinter() dem österreichischen Außenminister Graf Agenor Goluchowski einen detaillierten Bericht über die Situation auf der Insel und empfahl die Entsendung eines Kriegsschiffes, das den Schutz der österreichen, wie auch der deutschen Staatsangehörigen, die er zu vertreten hatte, gewährleiste3n könne.
Noch am selben Tag veranlasste Goluchowski die Entsendung des Panzerkreuzers S.M.S. Maria Theresia in die kretischen Gewässer.
Außenminister Agenor Goluchowski

Außenminister Agenor Goluchowski
Agenor Graf Goluchowski, geb. am 25.3.1849 in Lemberg, gest. am 28.3.1921. war von 1895 bis 1906 Außenminister Österreich-Ungarns.

Konsul Julius Pinter

K.u.k. Konsul Julius Pinter
geb. 30. Oktober 1852 Pancsova/Ungarn, gest. nach 1927.
Von 1892 bis 1909 war er Generalkonsul auf Kreta. Während der Unruhen auf der Insel stand er auf seiten der griechischsprachigen Bevölkerung.

Attachee Wladimir Giesl

K.u.k. Militärattachee Major Wladimir Giesl geb. am 18. Februar 1860 in Fünfkirchen (Pécs), gest. am 20. April 1936 in Salzburg. War nach seiner Tätigkeit in der Türkei von 1909 bis 1913 Gesandter in Montenegro, anschließend bis Juli 1914 Gesandter in Belgrad, wo er das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien übergab. Im Ersten Weltkrieg General der Kavallerie.

Das galt auch für die anderen Mitspieler im Europäischen Konzert indem sie die nötigen Maßnahmen zur Sicherheit ihrer Staatsangehörigen auf der Insel eingeleitet und mehrere Schiffseinheiten vor Kreta versammelt hatten.
Die österreichische Initiative führte schließich zur Bildung einer Kommission, der schließlich auch die Briten angehörten, nachdem sie ihre Bedenken, einer der Mitspieler könnte sein eigenes Süppchen kochen, aufgegeben hatten.
Damit war der erste Schritt des Krisenmanagements für das Europäischen Konzert eingeleitet, um in der Folge zu einem gemeinsamen Vorgehen zu kommen. Dank der Initiative des österreichischen Außenminister Graf Goluchowski konnte man sich auf eine Erklärung einigen, die der Doyen des Diplomatischen Korps in Konstantinopel der österreichische Botschafter Calice dem Sultan vortrug.
"Sollten sie (die osmanische Regierung) der griechischen Mehrheit auf Kreta nicht Autonomie gewähren, werde es ernste Unruhen in ganz Thessalien, Epirus und Makedonien geben, und die Großmächte könnten gezwungen sein, einen neuen Kongress einzuberufen und den osmanischen Ländern eine neue Ordnung aufzuerlegen." 11
Diese Note an die Pforte hatte bewirkt. dass sich im Dezember 1896 die Lage wesentlich beruhigte, so dass sich die Kommission der Konsuln mit konkreten Maßnahmen, Im Detail beinhaltete der Vorschlag die Wiederherstellung der Gendarmerie im Sinne des Vertrages von Halepa und die Entsendung eines neuen Gouverneurs.
Das Programm enthielt auch die Bestimmung dass zwei Drittel der öffentlichen Ämter mit christlichen Kretern zu besetzen seien, sowie die Reorganisation der Gendarmerie unter Aufsicht einer Kommission, die den Aufbau einer internationalen Gendarmerietruppe zum Schutz der der muslimischen Minderheit im Inselinneren zum Ziel hatte.
Internationale Gendarmerie

Internationale Gendarmerie
Das internationale Gendarmeriekorps sollte vor allem den Schutz der türkischen Minderheit übernehmen.
Die Aufstellung, bzw. Rerorganisation sollte eine Kommission bestehend aus türkischen Offizieren, sowie den Militärattachés der Großmächte - Oberst Chermside (England), Oberst Peschkow (Russland), Kommandant de Vialar (Frankreich), Kapitän Ruggieri (Italien) und Major i.G. Wladimir Giesl (Österreich-Ungarn)(92) vorgenommen werden

Sultan Abdülhamit war mit allem einverstanden und unterzeichnete am 25. August das Dekret. Damit wäre der erste Schritt zur Normalisierung der Lage getan, wenn es nicht am Tag darauf zu einem verhängnisvollen Ereignis gekommen wäre.
Eine Gruppe armenischer Extremisten überfiel die Zentrale der Ottomanischen Bank in Galata. Sie nahmen dabei eine Methode vorweg, deren sich unzählige Terrororganisationen in den folgenden hundert Jahren weltweit bedienen werden. Sie brachten Sprengladungen am Gebäude an, nahmen Geiseln und forderten ähnliche Rechte für die Armenier, wie den Kretern zugestanden würden. Dank der in ihrer Gewallt befindlichen Geiseln konnten die Terroristen entkommen. Den in Konstantinopel lebenden Armeniern gelang das nicht, als der aufgehetzte Pöbel über sie herfiel und in einem Tage dauernden Gemetzel zwischen 5000 und 6000 Menschen ermordet hatte.
Unter dem Eindruck der Ereignisse in Istanbul hatten die Vertreter der Anschlussbewegung auf Kreta leichtes Spiel, die schwelende Rebellion am Köcheln zu halten, zudem die angesagten Reformen auf sich warten ließen. Denn außer dem Eintreffen des neuen christlichen Generalgouverneurs Berovich Pascha blieb vorerst alles beim Alten, lediglich das Reformprogramm der Kretischen Gendarmerie konnte dank des tatkräftigen Mitwirkung des österreichischen Generalstabsoffiziers Major Wladimir Giesl, vorangebracht werden.12
Anfangs Jänner 1897 war es den Extremisten gelungen, die Stimmung gegen die Türken und die muslimische Bevölkerung weiter anzuheizen. In der Nacht vom 1. auf 2. Februar 1897 brannten Christliche Kreter einige moslemische Dörfer nieder und es kommt zu zahlreichen Ausschreitungen gegen deren Bewohner, die sich in die Städte Kanea, Retimo und Kandia flüchten.
Zwar versuchte eine auf Vorschlag des Konsularrates gebildete Beruhigungskommission eine weitere Eskalation der Ausschreitungen zu verhindern. Dieses Gremium, unter der Leitung des Schereffedin Pascha und deren Mitglieder, dem griechische Bischof von Candia, dem österreichischen Militärattaché Major Giesl, sowie gemäßigten Vertrauensleuten der Aufständischen, versuchte im Zuge einer Rundreise durch das Aufstandsgebiet, Ausschreitungen zu verhindern und fliehende Gruppen in Sicherheit zu bringen. Jedoch die Aufständischen zur zur Umkehr zu bewegen, war ein Ding der Unmöglochkeit - zu groß war die Begeisterung für einen Aufstand und der gegenseitige Hass der Bevölkerungsgruppen gediehen. (13)
Am 31. Jänner 1897 kam es zu einer beispiellosen Greueltat in Canea.(104) Muslimische Türken massakrierten mehrere griechische Notablen worauf die christlichen Bewohner von Canea und Retimo zu ihren Waffen griffen und somit der Bürgerkrieg endgültig zum Ausbruch kam.
In einer Meldung des offiziösen Korrespondenz-Bureaus in Konstantinopel hieß es: Auf Ersuchen des österreichisch-ungarischen Konsuls Pinter wurden am 3. Februar die im Hafen von Piräus gelegenen Kriegsschiffe der Donaumonarchie, der Panzerkreuzer "Kaiserin und Königin Maria Theresia" und das Torpedoschiff "Sebenico" nach Kreta beordert, wo sie am 4. Februar 1897 vor Canea eintrafen.106 Auf Weisung des Konsulats sollten sie für die Sicherheit der Staatsbürger der Donaumonarchie und des Deutschen Reiches Sorge tragen.
Eine weitere Eskalation bewirkte eine Proklamation der Aufständischen, in der sie die Annexion der Insel an dasGriechische Königreich und die Herrschaft des Osmanischen Reich über Kreta für null und nichtig erklärten.
Als Bekräftigung wurde am 7. Februar in Halepa, wo sich die christlichen Aufrührer zur Entscheidungsschlacht gesammelt hatten, die griechische Nationalflagge gehisst.
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Die Intervention der Griechen

Inzwischen hatte sich eine Flotte von Kriegsschiffen der Großmächte versammelt, vorerst allerdings nur zum Schutz ihrer auf der Insel befindlichen Staatsbürger. Aus diesem Grunde, - zumindest nach Griechischer Auslegung, - befand sich auch das griechische Kriegsschiff Hydra, in der Bucht von Canea. Bald aber gesellte sich eine Flottille von Torpedobooten unter dem Kommando von Prinz Georg hinzu, der offenbar mehr im Sinn hatte, als Zivilpersonen zu evakuieren.
Offensichtlich provozieren wollte auch der Kommandant der Hydra, indem er bei den Kapitänen der internationalen Flotte anfragen ließ, was sie davon halten würden, wenn er die Stadt unter Artilleriebeschuss nehmen würde.
Kronprinz Georg Musterung in Athen Griechischer Kreuzer Hydra
Dieses absurde Ansinnen wurde zwar nicht ernst genommen, führte aber dennoch zu einer unmissverständlichen Warnung der Großmächte an die griechische Regierung, dass ein derartiges Verhalten zum Krieg führen würde. Einen Krieg wollte man zwar provozieren, die Verantwortung aber den Türken überlassen. Diesen Gefallen wollte man den Griechen aber nicht erweisen, auch dann nicht, als der türkische Frachter Fuadmit Soldaten und Gendarmen an Bord beschossen wurde. Anstatt einer Kriegserklärung appellierte die Pforte an die guten Dienste der Großmächte und bat um eine energische Intervention.15
Nun lag es am Europäischen Konzert sich raschest auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen, was den Botschaftern an der Pforte in kurzer Zeit mit folgender Erklärung auch gelang:
Es besteht die Meinung, dass die bloße Behinderung feindseliger Akte nicht genügt, dass vielmehr in der Entfaltung der europäischen Flaggen auf Kreta selbst das einzige Mittel einer erfolgreichen Intervention zu finden und keine Zeit zu verlieren sei.16
Der österreichische Außenminister hatte bereits im Vorjahr erkannt, dass Griechenland die nächst beste Gelegenheit zur Annexion Kretas nützen würde und war mit dem Vorschlag an die Britische Regierung herangetreten, sich mit der Royal Navy den österreichischen, russischen, französischen und italienischen Flottenverbänden bei einer vorbeugenden internationalen Blockade Kretas anzuschließen, damit nicht griechische Nationalisten ihren Landsleuten zu Hilfe kämen. Aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung über die Massaker an den Armeniern vom August 1896, hatte Premierminister Salisbury jedoch abgelehnt.17
Außenminister Graf Goluchowski sollte Recht behalten.
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Die Landung

Der Aufstand hatte den Presseberichten der zweiten Februarwoche zufolge, inzwischen die gesamte Insel erfasst, der Schwerpunkt der Kämpfe aber richtete sich auf die Hauptstadt Canea und die von den Türken gehaltenen Stützpunkte auf Akrotiri und Halepa.
Am 15. Februar 1897 landete eine griechische Invasionstruppe von etwa 2000 Mann in der Bucht von Kolimbari. Es war die gleiche Stelle wo vor 450 Jahren die Türken die Eroberung der Insel begannen.
Ihr Führer, der griechische Oberst Timoleon Vassos, - vormals Adjutant König Georgs, - erklärt "Im Namen seiner Majestät Georgs I., König der Hellenen, okkupiere ich die Insel Kreta und gebe dies ihren Einwohnern ohne Unterschied der Religion oder der Nationalität bekannt." In weiterer Folge seiner Proklamation versichert er der Bevölkerung, deren Ehre, ihr Leben und die Wohlfahrt zu schützen und ihre Religion zu respektieren und Frieden und Gleichheit der Rechte zu bringen. Da die Landung vorerst nicht bemerkt wurde, konnten die Griechen vereint mit den aufständischen Kretern die türkischen Forts auf der Halbinsel Akrotiri im Handstreich nehmen und die Griechische Flagge - nun weithin sichtbar über der Bucht von Canea - hissen
Diesem Ereignis widmet die Wiener Abendpost vom 16. Februar einen ausführlichen Artikel, der nicht nur das große Interesse der Medien, sondern auch deren bemerkenswert präzise und schnelle Berichtedrstattung unter Beweis stellt. Berichten aus Athen zufolge hatte der griechische Kriegsminister, nachdem er sich von Vassos Erfolg überzeugt hatte, die Verantwortung über das Landungsunternehmen übernommen.
Die gr5tiechische Invasionstruppe bestehend aus einem Infanterieregiment, einer Pionierkompanie und einer Batterie Feldartillerie hatte eine Stärke von etwa 2000 Mann. Diese eher zahlenmäßig bescheidene Truppe, sollte daher als reguläres Element der Landnahme einen legalen Charakter und der etwa 30 000 Mann z6ählenden Streitmacht der Aufständischen militärischen Rückhalt geben.
Mangels einer militärischen Führungsspitze war ihr Kampfwert ´gering und kam lediglich in örtlichen Aktionen zum Tragen.
Ihre Aktionen richten sich vorwiegend auf die meist wehrlose Muslimische Bevölkerung auf dem flachen Land.
RebellenDie Aufständischen
Manche dieser Rebellen kämpften schon in den Aufständen von 1879 und 1889.
Waffenlieferungen und der Zuzug weiterer Verstärkungen durch das griechische Mutterland sollte durch die Blockade unterbunden werden. Für finanzielle Unterstüzung sorgte die griechische Nationalpartei
Aufständische Griechen
Timoleon Vassos

Zeiger links

Oberst Timoleon Vassos

(1836–1929)
Er galt als einer der tüchtigsten Offiziere Griechenlands, seine militärische Ausbildung hatte er im Ausland genossen hatte. Als Adjutant des Königs gewann er dessen Vertrauen und Freundschaft.
Politisch galt er als Zentralfigur des Griechischen Expansionsstrebens und der Vereinigung aller unter osmanischer Herrschaft stehender Griechen. Seine Ehe mit der Tochter des österreichischen Gesandten Baron Testa, war seinen politischen und militärischen Ambitionen förderlich.

Griechische Truppen in Siegesstimmung

Zeiger rechts

Kriegsrechtlich war mit der Entsendung der Truppen der Tatbestand eines feindlichen Aktes gegenüber dem Osmanischen Reich erfüllt, gleichgültig, ob die Truppe des Oberst Vassos als eine paramilitärische Freiwilligeneinheit oder reguläre Armeeformation anzusprechen war. Offenbar scheint eine dahingehende Klärung für die zeitgenössischen Nachrichtenquellen nicht sonderlich von Bedeutung gewesen zu sein, zumal es auf der Hand lag, dass es sich um eine Provokation handelte, hinter der der griechische Kriegsminister persönlich stand.

Griechische Truppen
Dabei ging es schon längst um mehr, als die Annexion Kretas, zumal die Gelegenheit günstig war, die alten Gebietsansprüche auf Ostrumelien und Makedonien einzufordern. Zudem stand die Griechische Regierung unter Zugszwang, um einerseits den hartnäckigen Forderungen der Nationalisten nachzukommen und andererseits einen politischen Erfolg einzufahren, der dem nicht gerade populären Königshaus zu einem besseren Image verhelfen sollte.
Die Absicht der Griechen, die Pforte zu einer Kriegserklärung zu provozieren war dank der Haltung der Großmächte, in deren Schutz sie sich begeben hatte, fehlgeschlagen. In seltener Eintracht mit der in Permanenz tagenden Botschafterkonferenz vereint, stand nun der Verhängung einer Seeblockade nichts mehr im Wege, auch der Einsatz von Landungstreitkräften auf der Insel wurde nun in Erwägung gezogern.
In einer Kollektivnote vom 4. März wurde der Pforte und Griechenland mitgeteilt, dass ein Anschluss Kretas an das Königreich Griechenland nicht in Frage komme, sondern unter der Aufsicht der Großmächte einen autonomen Status erhalten solle. Gleichzeitig erging an Griechenland die Aufforderung, seine Streitkräfte unverzüglich abzuziehen, widrigenfalls man die Blockade auch auf die griechischen Häfen ausdehnen würde.18 zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Seeblockade und der Admiralsrat

Als die Blockade am 21. März in Kraft trat, waren insgesamt 70 Schiffseinheiten in den Gewässern um Kreta versammelt. Großbritannien stellte mit 20 Schiffen das stärkste Kontingent, gefolgt von Italien mit 18 Einheiten. Österreich mit 16 Kriegsschiffen aller Klassen als drittstärkste Kraft ist kein Zufall, sondern entspricht dem damalige Kräfteverhältnis der Seemächte im Mittelmeer. Frankreich mit 10 und Russland mit 8 Schiffen lassen immerhin ihr großes Interesse an einer wirksamen Seeblockade erkennen. Mit dem Kreuzer "Kaiserin Augusta" war der Beitrag Deutschlands, das als aufstrebende Seemacht den Briten bereits Konkurrenz zu machen begann, eher bescheiden, aber auch nicht zufällig.
Der Grund für diese Zurückhaltung war eine Militärmission des deutschen Reichs, die mit der Reorganisation der türkischen Armee beschäftigt war, eine Tatsache, die in der Folge des Geschehens noch ihre Auswirkungen haben wird. 19
Das militärisches Oberkommando wurde vom Admiralsrat wahrgenommen, dem die 6 ranghöchsten Kapitäne der internationalen Flotte angehörten, den Vorsitz führte der italienische Admiral Canevaro.
Die Admirale Der Admiralsrat

Der Admiralsrat bestehern aus den sechs Oberbefehlshabern der Flottenabteilungen, hatte die Aufgabe die Seeblockade durchzuführen und zu leiten.
Die Admirale an Bord des italienischen Flaggschiffs "Sicilia"
Von links nach rechts: Kapitän zur See Hans Otto Koellner (Deutschland), Konteradmiral Johann Edler von Hinke (Österreich-Ungarn), Konteradmiral Edouard Pottier (Frankreich) Bildmitte, Vizeadmiral Napoleon Conte Canevaro (Italien), der den Oberbefehl als ranghöchste Offizier hatte, dahinter Kapitän Jacquet (Stabschef), Konteradmiral Sir Robert Hastings Harris (Groß-Britannien), Kontreadmiral Andrejew (Russland).

Sicilia
Als Antwort an die Landung der Griechen verfügte der Admiralsrat noch am selben Tage die Entsendung von Marinetruppen in die Hauptstadt Canea, wie der österreichische Konsul Pinter meldet: um 9 Uhr werden auf den Wällen Caneas die Flaggen der Großmächte neben der ottomanischen gehisst. Weniger optimistisch klingt die Feststellung, drei Stunden von Canea entfernt stehen drei Bataillone griechischer Truppen mit 2 Geschützen.20 Der Admiralsrat, - ursprünglich als Provisorium eingesetzt, sollte bis 1908 die Kontrolle über die Insel ausüben, - war die oberste Behörde für alle nach Kreta entsandten Schiffe und Truppen mit folgenden Aufgaben:

  • Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in den besetzten Gebieten
  • Pazifizierung der Insel und die Bevölkerung zur Annahme des Autonomiestatuts zu bewegen.
  • Schutz der muslimischen Bevölkerung
  • Schutz der noch auf der Insel stationierten osmanischen Truppenkontingente
Internatinale Seeblockade

Die Blokaderayons der Seemächte
Das Blockade- Schwergewicht lag an der zu Griechenland gewandten Nordküste, während die Südkiste nur Überrwacht wurde.

Die Internationale Seeblockade
An der Blockade beteiligten sich insgesamt 73 Schiffseinheiten der Seemächte:

  • Italien.....................................18 Schiffe
  • England.....................................20 Schiffe
  • Österreich-Ungarn...........................16 Schiffe
  • Russland.....................................8 Schiffe
  • Frankreich..................................10 Schiffe
  • Deutschland..................................1 Schiff

SMS Maria Theresia

S.M.S. Kaiserin und Königin Maria Theresia
Das Flaggschiff der k.u.k. Eskadre.
Panzerkreuzer, mit 2 × 24cm Kanonen in Einzeltürmen, 8 × 15 cm Kasemattgeschütze, 18 × 4,7cm Schnellfeuergeschütze,
4 × 45cm Überwasser-Torpedorohre

Von den sechzehn österreichischen Schiffeinheiten sind hier einige Schiffe verschiedener Klassen abgebildet:
(Alle Bilder aus www.kuk-kriegsmarine.it)
S.M.S. Erzherzogin Stephanie

S.M.S. Erzherzogin Stephanie
Turmschiff mit 2 - 30,5 cm Turmeschütze 6 - 15 cm Batteriegeschütze, 9 - 4,7 cm Schnellfeuergeschütze, 4 - 40 cm Überwasser-Torpedorohre

S.M.S Kaiser Franz Josef

S.M.S Kaiser Franz Josef
Großer Kreuzer
2 - 24 cm Geschütze Krupp in den Türmen; 2 - 15 cm Deckgeschütze, 4 - 15 cm Batteriegeschütze Krupp 13 - Schnellfeuergeschütze,von 3,7 bis 7 cm Kaliber.

S.M.S.Satellit

Torpedokanonenboot S.M.S. Satellit
1 × 7cm- Kanone, 8 × 4,7 cm -Schnellfeuergeschütze, 2 × 45 cm Überwasser Torpedorohre

S.M.S. Leopard
>

S.M.S. Leopard Kleiner Kreuzer (Torpedoschiff)2 - 12 cm Geschütze; 10 - 4,7 cm Schnellfeuerkanonen

Das von den Großmächten mit der Pforte ausgehandelte Mandat des Admiralsrats bestand somit eindeutig aus Schutzmaßnahmen zugunsten der Türken, und da deren Behörden unter den gegebenen verhältnissen kaum in der Lage waren, ihren Verwaltungsobliegenheiten nachzukommen, hatte der Rat weitgehende Vollmachten aber keine Befugnis zur Ausübung einer Gerichtsbarkeit. Erst Monate später im August wurde wurde mit Billigung der Pforte ein Admiralsgericht, bestehend aus Vertretern der sechs Mächte, eingesetzt, während eine Militärkommission für Internationale Polizeials Exekutivorgan seine Arbeit aufnahm. Damit hatten die Großmächte neben ihren militärischen Aufgaben auch die Polizeigewalt und Gerichtsbarkeit übernommen:

  • Verfolgung von Straftaten, die gegen die öffentliche Sicherheit gerichtet sind
  • Verfolgung von Straftaten, die gegen Angehörige der internationalen Streitkräfte zielten, egal ob diese von kretischen oder fremden Staatsbürgern begangen wurden.

Commission militaire de police internationale setzte sich aus je einem Offizier der Großmächte zusammen, als Rechtsgrundlage diente dasdas italienische Militärstrafgesetz.

Am 18. März erließ der Admiralsrat eine Proklamation, mit welcher der Bevölkerung die Absichten der Großmächte mitgeteilt wurden. Kernpunkt war die Zusage der vollständigen Autonomie unter der Suzeränität (= Schutzherrschaft) des Sultans, und in ihren inneren Angelegenheiten vollkommen frei von jeder Kontrolle der Pforte zu sein. Neben der Aufforderung zur Niederlegung der Waffen, stand auch die Zusicherung, jedem Einzelnen ohne Unterschied der Rasse und Konfession die Freiheit und Sicherheit seines Eigentums zu gewährleisten. (21)
Am Tag vor der Kundmachung wurde ein griechischer Schoner beim Ausladen von Kriegsmaterial vom österreichischen Torpedoboot Sebenico versenkt, nachdem die Griechen das Feuer eröffnet hatten.
Inzwischen hatten die Regierungen der Großmächte die vom Admiralsrat angeforderten Truppenverstärkungen beschlossen und ihre Kontingente in Marsch gesetzt. Bis zum 26. März hatten die internationalen Landstreitkräfte haben eine Stärke von insgesamt 6570 Mann erreicht, im Einzelnen waren das 1595 Russen, 1540 Franzosen, 1440 Italiener, 1310 Engländer und 675 Österreicher. Die 10 deutschen Soldaten entsprachen genau dem schon eingangs erwähnten Zurückhaltung im Hinblick auf das Engagement der Deutschen Militärmission, dessen erste Ergebnisse das Europäische Konzert vor neue Aufgaben stellen werden.
Während die internationalen Verbände ihre Einsatzräume bezogen, kamen die Großmächte auf Drängen des Admiralsrates überein, die Blockade auch auf das griechische Festland auszudehnen. Dies schien erforderlich, die Griechen zum Abzug ihrer Truppen aus Kreta zu bewegen. zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Internationale Friedenstruppe

Unter dem Eindruck der Invasion Kretas durch griechische Truppen und dem zügigen Vorgehen mit den Aufständischen musste der Admiralsrat zur Kenntnis nehmen, dass die zum Schutz der ausländischen Staatsangehörigen und bedrohten einheimischen Volksgruppen eingesetzten Marineeinheiten weder zahlenm,äßig noch hninsichtlich iherer Bewaffnung imstande wären, ihren Schutz- und Ordnungsaufgaben nachzukommen.
Der Admiralsrat machte daher den Vorschlag, zur Verstärkung der bisher eingesetzten Marinedetachements Landstreitkräfte zu entsenden. der Mächte auf Kreta ersucht:
Diese Abteilungen haben die Bestimmung, jene Matrosen-Detachements abzulösen, welche gegenwärtig die Hauptorte der Insel sichern und bei Beginn der Blockade wieder eingeschifft werden müssten.
Nach kurzer Zeit war englisches und französisches Bataillon bereits auf dem Seetransport nach Kreta unterwegs, ein russisches Bataillon war bereit von Odessa in See zu stechen. Das k.u.k. Kriegsministerium beschließt die Entsendung eines Bataillons des Infanterieregiments 87.
green Am 25. März wird das 2. Bataillon IR. 87 in Triest eingeschifft und erreicht ende März Kreta.
Der Tagesbericht der Abendpost vom 26. März bringt ein anschauliches Lagebild dieser Tage. Bis Mitte April haben alle Kontingente in den verschiedenen Landesteilen ihre Positionen bezogen.
  • 1595 Russen (2 Infanteriebataillone, 1 Batterie Feldartillerie, 80 montenegrinische Gendarmen )
  • 1540 Franzosen (2 Bataillone Marineinfanterie)
  • 1440 Italiener (1 Bataillon Bersaglieri. 1 Infanteriebataillon, 30 Karabineri)
  • 1310 Engländer (1 Bataillon Welsh-Fusiliers 1 Bataillon Seaforth-Highlanders 1 Gebirgs-Batterie
  • 675 Österreicher (1 Infanteriebataillon
  • Mit 10 deutschen Soldaten blkieb das deutsche Kontingent unverändert
Die KommandeureDie Kommandeure der internationalen Friedenstruppe
Österreich-Ungarn:
Die 7. Kompanie in Suda

Die 7. Kompanie IR. 87
Die Stärke des Bataillons betrug 19 Offiziere, 2 Militärärzte und 661 Unteroffiziere und Mannschaften.

Empfang der Russen in Candia

Empfang der Russen in Canea

Italienische Gebirgsbatterie

Die Italiener

Britische Gebirgsbattereie

Britische Gebirgsbatterei
in Paradeaufstellung

Die nationalen Truppenkörper wurden nicht geschlossen eingesetzt, sondern auf die Blockaderayons der Flotteneinheten verteilt und den dortigen Marinebefehlshabern unterstellt.
Österreich
  • Suda: Bataillonskommando II. Bataillon IR. 87 und 2 Kompanien
  • Canea: 1 Kompanie
  • Akrotiri: 1 Kompanie
Frankreich
  • Sitia: Bataillonskommando
  • Spinalonga: 175 Matrosen
  • Canea: 2 Kompanien
  • Halepa: 1 Halbkompanie
  • Fort Subaschi: 1 Kompanie
  • Akrotiri: 1 Halbkompanie
Großbritannien
  • Candia:2 Kompanien Seaforth-Highlanders, 1 Bataillon Welsh-Fusiliers, 6 Gebirgsgeschütze
  • Canea: 2 Kompanien Seaforth-Highlanders
  • Akrotiri: zeitweise 80 Mann Seaforth-Highlanders
Italien
  • Hierapetra: 2 Kompanien 2. Bataillon 36. Infanterie Regiment
  • Candia: 2 Kompanien
  • Canea: 8. Bersaglieri-Bataillon
  • Akrotiri,
    Tschikalaria:
    1 Kompanie Matrosen der "Sicilia" mit 8 Geschützen
  • Fort Subaschi: 8. Bersaglieri-Bataillons
Russland
  • Rhetymno:2 Kompanien 1. Bataillon 56. Infanterie Regiment
    4 Kompanien 14. Schützenbataillon
    6 Geschütze 13. Artilleriebrigade
  • Canea: 2 Kompanien 1. Bataillon 56. Infanterie Regiment

Mit einer gemeinsamen Parade am 15. April soll die Schlagkraft und Disziplin der Friedenstruppe unter Beweis gestellt werden. Während die internationalen Verbände ihre Einsatzräume bezogen, kamen die Großmächte auf Drängen des Admiralsrates überein, die Blockade auch auf das griechische Festland auszudehnen, da sich Griechenland weigerte, seine Truppen aus Kreta abzuziehen.

BesatzungszonenZeiger links

Die Einsatzräume der internationalen Truppen
Dioe führung hatten die jewiligen Flottenchefs im Rayon

Zeiger rechts
Die internationale Zohne
Die Einheiten um Kania und in der Sudabucht unterstanden direkt dem Oberkommando der internationalen Flotte

Internationale Zone Kanea

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Kampfhandlungen und Konflikte

Vom Beginn an stand der Admiralsrat vor der Frage, wie mit den Aufständischen Kretern umgegangen werden soll. Wenn auch die offizielle Politik der Großmächte eindeutig die Interessen der Pforte vertrat, wurde den Aufständischen seitens der nationalen Kräfte, bzw ihrer Vertreter, vielfach Sympathie oder zumindest Verständnis entgegengebracht, wie der österreichische Militärattaché Major Giesl in einem Brief an seine Frau feststellt:Mir ist um die Cretenser u. Griechen leid, weil sie von allen 6 Großmächten vergewaltigt werden und helfe ich ihnen wo ich kann.23
Angesichts der gegenseitigen Ausschreitungen folgte jedoch bald die Erkenntnis, dass beide Seiten gleichermaßen verantwortlich sind und das Mitgefühl primär der verfolgten Bevölkerung zu widmen sei.
Als leitendes Mitglied der auf Vorschlag des Konsularrates gebildeten Beruhigungskommission, die in einer mehrtägigen Rundreise einen konkreten Überblick zu gewinnen suchte, hatte er seine ursprüngliche Einstellung geändert: Die Zustände, deren Augenzeugen wir in diesen Tagen wurden, spotteten jeder Beschreibung und zeigten die entsetzliche Bedrängnis in der der jeweilig in der Minorität befindliche Bevölkerungsteil um sein Dasein ringen mußte.
Viele Dörfer standen in Flammen, andere waren verlassen und ausgeplündert. Wir begegneten zahllosen, mit ihren Familien flüchtenden Mohammedanern, die ihr Hab und Gut auf Tragtieren verladen hatten; oft zählten solche Scharen bis zu tausend Menschen, die sich aus mehreren Ansiedlungen zusammengefunden hatten, um unter dem Feuerschutz der Besatzung eines türkischen Blockhauses das Netz der herbeieilenden Insurgenten zu zerreißen und Kandia zu erreichen. Auf den Bergkuppen sammelten sich Gruppen von Aufständischen; unaufhörlich knatterten im Umkreise ihre Flinten. Unmöglich zu erkennen, wer an einem Punkte der Angreifer, wer der Überfallene war.
Unter solchen Umständen ließ sich unsere Mission kaum erfüllen. Dennoch erreichten wir durch Verhandlungen mit Bandenführern den freien Abzug einer oder der anderen Flüchtlingskolonne oder konnten eingeschlossene Dörfer aus der Umzingelung befreien.
24

Mit der Landung regulärer griechischer Truppen, bekam die bisherige Lage eine neue Qualität. Musste sich die Großmächte bisher auf rein humanitäres Eingreifen bzw. auf Schutzmaßnahmen beschränken, befand man sich plötzlich im Kriegszustand.
Vereint mit Auffständischen wurden sofort alle auf der Vormarschstraße gelegenen türkischen Stützpunkte und Festungen angegriffen oder belagert, wie die von etwa 800 Türken besetzten Festungen Vukolies und Aghia. Während Vukolies am 20. Februar erobert wurde, konnte sich die Besatzun von Aghia nach Kanea absetzen, wie die Wiener Abendpost vom 22. Februar berichtet.
Nachdem weder die Griechische Regierung bereit war, ihre Truppen sowie ihre Flotteneinheiten abzuziehen, noch Oberst Vassos der untimativeb Aufforderung des Admiralrats, seinen Vormarsch einzustellen, folge leistete, sahen sich die Großmächte iherersets zur Anwendung von Waffengewalt gezwungen.
Der Auftakt war dier Versenkung eines griechischen Frachters - wenn auch noch vor offiziellem Blockadebeginn, so doch im Einklang mit der ultimativen Androhung von Waffengewalt.
Primär galt es, die Aufständischen am Vormarsch gegen die Hauptstadt und deren Besetzung zu hindern. Nachdem sie mit Hilfe von Vassos Truppen bis Haleppa vorgedrungen waren und die türkische Garnison sich auf die Festung zurückgezogen hatte, war Kanea praktisch bereits in ihrer Hand, und somit auch der Anschluss an Griechenland zumindest symbolisch vollzogen.

Kanea Umgebung Zeiger links

Der Vormarsch der griechischen Truppen und Insurgenten

Nach eroberung der tükischen Stützpunkte, stand Vassos am 20. Februar vor Kanea

Kanea Festung

Festung Kanea nach Besetzung durch die Großmächte

Kania heute

Ansicht der Festung heute

Praktisch nur von einigen hundert Seeleuten besetzt und von den Türken, die sich in Ihrer Festung verschanzt hatten aufgegeben- über die Entsendung von Landstreitkräften hatten die Großmächte noch nicht entschieden - war Kanea den Angriffen von Vassos Truppen von Westen und von den Insurgenten von Osten schutzlos ausgeliefert. Den Admiralen blieb daher nur die Alternative die Angreifer durch Sperrfeuer aus den Schlachtschiffen am Vorrücken zu hindern.
Am 21. Februar, als die Geschütze der grierchischen Invasionstruppen das Feuer auf die türkische Festung eröffnet hatten, begann auch das britische Schlachtschiff aus seinen 6 Zoll Geschützen zu feuern.

Bombardement von Kanea Bombardement von Kanea-1

Das britische Flaggschiff HMS Revenge

Zeiger links Das Bombardement von Kanea
Auf Kommando von Vize Admiral Canavaroum 1600 Uhr eröffneten die britischen Kreuzer Revenge, - Dryad, - Harrier, der russische Kreuzer Alexander II, der österreichische Kreuzer Maria Theresa und der deutsche Kreuzer Kaiserin Augusta, das Feuer.
Auf eine Entfernung von etwa 4,2 km, wurden 40 Sprnggranaten und Schrapnell abgefeurt.
Die Insurgenten hatten 5 Tote und einige Verwundete zu beklagen.

Spyros KayalesZeiger rechts
Der Held des Tages und Urheber einer Legende.
Spyros Kayales

Das Bombardement, dem sich auch andere Schiffseinheiten anschlossen war gleichermaßen kurz wie wirkungsvoll: Die Belagerer wurden vertrieben und fürs Nächste von ihrem Vorhaben, Kanea zu erobern, abgehalten, wie die Wiener Abendüpüost vom 24. Februar berichtet.
Dass dieses nicht besonders spektakuläre Kampfverhalten der Insurgenten zu einem Heldenepos werden konnte, ist einem Mann, namens Spyros Kayales zu verdanken. Er soll, als die von den Insurgenten gehisste griechische Flagge, nachdem der Flaggenmast von Artillerietrerffern zerbrochen war mit seinen Händen hochgehalten haben, worauf die Kriegsschiffe das Keuer eingestellt und über die Heldentat in lautem Jubel ausgebrochen sein.
Spyros Kayales mag tatsächlich die Fahle in den Wind gehalten haben, was seinen Ruhm keineswegs sc hmälern soll - nur alles weitere ist Legende und patriotische Übertreibung.
Konteradmiral Harris berichtet dass nach 3 Salven, bei denen gewöhnliche, mit Schwarzpulver geladenen Sprenggranaten, sowie Schrapnells verschossen wurden, die griechische Flagge eingeholt wurde und darauf das Feuer eingestellt wurde. Dass sie von einem Menschen hochgehalten wurde, konnte bei einer Entfernung von mehr als 4 Kilometern, noch dazu bei der enormen Rauch und Staubentwicklung der Artillerieeinschläge, nicht zu sehen wie das Jubelgeschrei auf den Schiffen zu hören sein. Eine der spektakulärsten Militäraktionen noch vor dem Eintreffen der internationalen Landtruppen war die
Evakuierung der muslimischen Kreter und türkischen Soldaten aus Kandanos.
Kandanos, zur Zeit die bedeutendste Ansiedlung muslimiswcher Kreter im Verwaltungsbezirk Selino, wurde seit der Landung der Griechischen Invasionstruppen von den Aufständischen belagert. Nachdem wenige Tage zuvor etwa 100 muslimische Flüchtlinge aus Sarakina beim Versuch Fort Selino zu erreichen in einen Hinterhalt geraten und abgeschlachtet wurden, bestand die Gefahr, dass es in Kandanos zu einem ähnlichen Massaker kommen könnte, falls die türkische Garnison fallen würde.
Nachdem ein Versuch des Admiralrats, die Aufständischen zur Freigabe der Eingeschlossenen zu bewegen mit dem Argument, einzig Oberst Vassos könne über das Schicksal der Eingeschlossenen entscheiden, gescheitert war, 25 entschloss sich der Rat zu einer bewaffneten Befreiunsaktion.
Am 7. März 1897 vereinigten sich vor Selino eine internationale Schiffseinheit, bestehend aus dem österreichischen Turmschiff "Stephanie", dem englischen Schlachtschiff "Rodney", dem französischen Kreuzer "Chanzy", dem italienischn Kreuzer "Vesuvio" und das russische Turmschiff "Sissoj Welikij".26 Aus den Mannschaften dieser Kriegsschiffe wurde eine durch 4 Feldgeschütze verstärkte Kampfgruppe aus 220 Briten, je 100 Österreichern, Franzosen, Russen und 50 Italienern formiert.

Evakuierung von Kandonos

Zeiger links Die Evakuierung von Kandonos
Kandanos liegt in einem Talkessel im Inneren der Insel und ist von Selino aus nur über einen steilen und engen Weg zu erreichen.

Der FlüchtlingszugZeiger rechts
Abseits des Wege gehende oder zurückbleibende Flüchrtlinge wurden von den Aufständischen laufend überfallen und ausgeraubt. Viele, die den Anschluss verpasst hatten, wurden getötet.

Flüchtlinge

Fort Selino
war von den Türken zum Zeitpunkt noch besetzt unfd wurde nach ihrem Abzug geschleift

Den militärischen Oberbefehl über das Landungsunternehmen führte der englische Linienschiffskapitän Rainier von der Rodney, die österreichisch-ungarische Truppe stand unter dem Befehl von Linienschiffslieutnant Franz Martinak.
Als Vertreter des Admiralrats fungierte der britische Konsuls Sir Alfred Biliotti, der die Verhandlungen mit den Führern der Aufständischen führte.
Die Landung der Truppe am 7.März bei Fort Selino, das noch von den Türken gahalten wurde, verlief problemlos, wie auch der lange Anmarsch über die schmale Straße in das Landeinnere.
An der Spitze der Marschkolonne, deren Reihenfolge durch das Los bestimmt war, marschierten die Italiener, gefolgt von den Österreichern, Franzosen, Russen und Engländern.
In Spaniakos, einem verlassenen Dorf, das die Türken noch mit einern Vorposten sicherten, wurde genächtigt und der Marsch am Folgetag bis Kakodiki, einem von Aufständischen besetzten Dorf fortgesetzt. Hier wurden auch die entscheidenden Verhandlungen mit den Führeren der Aufständischen geführt, die schließlich dem freien Abzug der muslimischen Zivilisten und dem türkischen Militär, das seine Waffen behalten durfte, zustimmten.
Tatsächlich aber hielten sich die Insurgenten wenig an die Abmachungen. Um eine gesicherte Marschformation einzunehmen, war vereinbart, dass zwischen je 25 Matrosen 200 Türken marschieren sollten. Wie die Evakuierung tatsächlich verlief gibt ein Augenzeugenbericht:
Nach 2 Stunden waren wir vor Kandanos auf der Straße aufgestellt und erwarteten den Abzug der Türken. Allein dazu kam es nicht. Die uns umstehenden Insurgenten schrieen Sieg und von der türkischen Bevölkerung, die man wegen zwischenstehender Bäume nicht sehen konnte, hörte man fürchterliches Jammergeschrei, einzelne Schüsse fielen, Rauchsäulen stiegen aus den vereinzelnten Häusern hervor.
Wir mußten angetreten stehen und dies ansehen, denn hätten wir damals auf die Insurgenten geschossen, so wären wir ihnen gewiss unterlegen. Als die gesammte türkische Garnison mit ihren Waffen und Gepäck in zerfetzter Kleidung mit einigen Verwundeten abgezogen war, schloß der Rest der europäischen Truppen an und setzte sich in Bewegung. Wer nicht vor uns war, blieb den Insurgenten preisgegeben, und dass es Opfer gab, ist sicher, denn mit uns waren etwa 600 Seelen ausser dem türkischen Militär marschiert, und hinter uns hörten wir noch lange Zeit Schüsse fallen. Was mag wohl mit dem Rest geschehen sein?
27
Der britische Konsul Sir Alfred Biliotti schildert die Aktion weniger dramatisch, wie sein Telegramm vom 10. März an das Britische Unterhaus lautete:
"Haben heute erfolgreich, aber unter hohem militärischen Risiko die Evakuierung von 523 Männern, 1047 Frauen und Kindern, sowie 340 türkische Soldaten der Ortschaft Kandonos durchgeführt. Auf dem Rückweg wurden weitere 112 Soldaten und Zivilisten aus dem Blockhaus Spaniako aufgenommen. Nun sind wir dabei aus dem Fort Selino etwa 1000 Personen zu evakuieren und einzuschiffen, da ein Angriff der Christen auf Selino droht."28
Tatsächlich kam es hier zum Gefecht, bei dem die Aufständischen durch Geschützfeuer und einem Bajonnettangriff vertrieben werden konnten. Mögen die Schilderungen der beiden Augenzeugen hinsichtlich der einschätzung der Opfer auseinander liegen, in militärischer Hinsicht war das Unternehmen von vornherein vom infanteristischen Kampfwert problematisch, und daher riskant, wie der britische Konsul und Zivilist Biliotti erkannt hatte.
Seeleute sind nun keine marschgewohnten Infanteristen, und schon gar nicht für den Infanteriekampf ausgebildet.

Der Krieg der 30 Tage und seine Folgen für Kreta

Ehe die Pforte am 9. April den Griechen den Krieg erklärte, ließ sie sich jedoch von den Großmächten bescheinigen, dass die Grenzverletzungen der Griechen als völkerrechtswidriger Akt zu werten sei.

Balkan

Zeiger links Der Griechisch-Türkische Krieg von 1897

Das Kriegsziel der Griechen war weniger auf Landgewinn, sondern auf Destabilisierung der türkischen Grenzregion ausgerichtet.
Diese sollte vorrangig durch irreguläre Freischärler erreicht werden. Es waren aber weder die Bevölkerung, noch die albanischen Truppenteile zu Abfall bereit. Der Gegenoffensive der Türken hielten weder die Freischärler, noch die Griechischen Truppen stand.

Griechische Freischärler und italienische RevolutionstouristenZeiger rechts

Von der griechischen Gesellschaft Bthnike Hetairia organisiert und ausgerüstet war ihre Stärke etwa 10 000 Mann.
Ihr Einsatz wurde von der griechischischen Regierung vehement bestritten

Griechische und ialienische Freischärler

Ein erster Vorstoß der griechischen Armee am Meluna-Paß wurde durch zahlenmäßig überlegene türkische Verbände aufgehalten, die dank des neuen Mobilisierungssystems ihre Kräfte für die Griechen völlig überraschend konzentrieren konnten.
Der ebenso unerwartete Gegenangriff traf die griechische Front am 23. April, dem vierten Tag des Krieges bei Larissa mit voller Wucht:
In wenigen Minuten verwandelte sich die Armee von einer organisierten und disziplinierten Einheit in eine brodelnde, unorganisierte Masse, die Hals über Kopf über die Ebene in Richtung Larissa floh, über eine Entfernung von fast vierzig Meilen, beschrieb Prinz Nikolaus, dritter Sohn König Georgs seine Feuertaufe als Kommandeur einer Artillerieabteilung. Das ganze Debakel selbst hatte sein Bruder Kronprinz Konstantin zu verantworten, der den Oberbefehl hatte.
Kurz vor den Thermophylen gelang es zwar den Griechen sich zu sammeln und die Türken bei Valestino zum Stehen zu bringen. Nach einer weitere Niederlage bei Pharsalos und der Besetzung des Hafens von Volos durch die Türken, waren die Griechen gezwungen um Waffenstillstand anzusuchen. Der konnte schließlich Über die Vermittlung der Großmächte am 30. Mai 1897 unterzeichnet werden.

Kronprinz Constantin

Die BefehlshaberZeiger links

Kronprinz Constantin
Verschuldete durch mangelhafte Befehlgebung die Niederlage von Lissa

Ehdem PaschaZeiger rechts

Der Sieg im „30-Tage-Krieg“ gegen Griechenland 1897 ist als Erfolg der deutschen Militärreformer anzusehen,

Edhem Pascha Friedensdelegation

Die FriedensstifterZeiger oben
Abordnung der Großmächte eröffnen Waffenstillstandsverhandlingen

Das Bemerkenswerte an diesem kurzen Krieg waren nicht nur die überraschenden militärischen Erfolge der Türken, sondern auch die Tatsache, dass er sozusagen unter der Aufsicht der Großmächte geführt wurde.
Der Griechisch-Türkische Krieg, der eigentlich schon mit der versuchten Okkupation Kretas am 15. Februar 1897 begonnen hatte, endete mit der Unterzeichnung des Vertrags von Konstantinopel am 4. Dezember 1897.
Der Krieg kostete etwa 2.000 Menschenleben, davon etwa 1500 türkischen und 600 griechischen Soldaten und irregulären Kombattanten das Leben.
Politisch endete der Krieg wie das Hornberger Schießen, bei dem einzig die Kreter profitierten.
während die siegreichen Tüprken die eroberten Gebiete wieder räumen mussten, die unterlegenen Griechen, obwohl seit 1893 bankrott, eine horrende Kriegsentschädigung zahlen mussten, wurde Kreta ein vollkommenes Autonomiestatut zugesichert.
Über dem ganzen polischen Konstrukt stand Vormundschaft der Großmächte, die Gewinner wie Verlierer an der Leine hielten:
Um künftig jede Störung oder Verschleppung des Entwicklungsprozesses zu unterbinden, wurde Kreta unter internationale Verwaltung gestellt, deren Tätigkeit durch eine internationale Truppe gewährleistet werden solle.
Die Türken taten zwar alles, sich zu spreizen, indem sie den ehemaligen Großwesir Djevad Pascha als neuen Militärkommandanten nach Kreta schickten, der einerseits mit ausgesuchter Höflichkeit den Admiralsrat hoffrierte, gleichzeitig aber die gewohnte Taktik der Verschleppung zu praktizieren verrsuchte.29
Was die selbsternannte Schutzmacht Griechenland anbelangt, hatte diese bei den Kretern mit zunehmender Normalisiewrung und Aufleben des Wirtschafts- und Geschäftslebens, an Prästige verloren.

Die Übernahme der Jurisdiktionsgewalt durch den Admiralsrar

Seit dem Ausbruch der Unruhen, vorallem der beiderseitigen Greueltaten hat das Rechtswesen praktisch aufgehört zu existieren. Weder Staatsanwaltschaft, Gerichte, noch die Gendarmerie - auch nicht unter der Führung eines englischen Kommandanten - waren in der Lage, für Recht und Ordnung zu sorgen.
Der Admiralsrat sah sich daher gezwungen, nicht nur die Polizeigewalt zu übernehmen, sondern auch die Gerichtsbarkeit auszuüben.
Seit Mitte Februar 1897, als der Admiralsrat Marineruppen zum Landeinsatz beordert hatte, hatte er auch die Versntwortung für deren Sicherheit sowie die für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in deren Einsatzbereich übernommen. Hierzu wurden höhere Marineoffiziere als Ortskommandanten berufen: Für die Stadt Canea und ihre Umgebung war dies der italienische Linienschiffskapitän Amoretti. Seine Ordnungstruppe, die vorerst aus einer Kompanie russischer und italienischer Matrosen bestand, konnte nach dem Eintreffen der internationalen Landstreitkräfte, um drei Kompanien Bersaglieri, eine Kompanie Carabinieri, je zwei britische und französische, sowie eine österreichische Infanterie-Kompanie erweitert werden. Mit 11. Juli 1897 war das Gendarmeriekorps auf 1190 Mann angewachsen. 30
In einer Sitzung vom 12. Aug. 1897 fasste der Admiralsrat schließlich den Beschluß, die Gerichtsbarkeit in einer Art Summar-Justiz auszuüben. Darunter verstanden die Agmirale ein vereinfachte, dem Militärecht ähnliche Rechts- und Stafvollzugsordnung, wobei den auf Kreta akkreditierten Konsuln als Appellationsinstanz, ein Einspruchsrecht eingeräumt wurde. Als oberste Instanz hatte der Admiralsrat vor Eintritt der Rechtskraft eines Urteils darüber zu entscheiden.
Vorsitzender der Gerichtskommission war der Ortskommandant von Kanea, dem je ein Offizier der sechs Mächte, sowie ein türkischen Offizier beigegeben waren. Als Rechtssystem galt das italienische Recht.
Durch diese, nach heutiger Auffassung fragwürdige, weil aufoktruierte Rechtsordnung wurde die internationale Truppe praktisch zur Besatzungsmacht, eine Tatsache, die im krassen Widerspruch zur beabsichtigten Verleihung der vollen Autonomie Kretas stand.
So sah das auch der österreichischen Konsul Pinter, der bezweifelte, ob den Admiralen ohne Verhängung des Belagerungszustandes und des Standrechtes, unter dem von der Pforte erteiltem Mandat, das Hohheitsrecht einer eigenen Rechtssprechung zustünde.31
Der darauf folgende Protest der Pforte wegen Verletzung der Hoheitsrechte des Sultans ließ auch nicht lange auf sich warten. Außenminister Tevfik Pascha erklärte am 7.9.1897: Durch diesen Beschluß haben die Admirale in ausdrücklicher Form Befugnisse und Prärogative übernommen, die ausschließlich der souveränen Macht vorbehalten sind.
Dieses Verhalten der Admirale steht in Widerspruch sowohl mit den ... gefaßten Beschlüssen hinsichtlich der Angelegenheiten Kretas als auch mit der der (osmanischen) Regierung geschuldeten Achtung für die konziliante Haltung gegenüber den Großmächten Die Kaiserliche Regierung hat die Landung fremder Truppen tatsächlich nur auf Grund der Versicherungen zugelassen, daß diese nur die Aufgabe hätten, den lokalen Behörden Unterstützung für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Ruhe zu leihen; wenn sie den Vorschlag betreffend die Autonomie angenommen hat, entsprang das ihrem Wunsch, die Verwirklichung dieses Ziels zu beschleunigen.
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Die Wahlen zur Generalversammlung

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Das provisorische Verwaltungsstatut

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Der Abzug der Österreicher

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Die provisorische Regierung

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Die Republik Kreta

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Die Ablösung des Prinzen

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Schlussakkord des Europäischen Konzerts

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Anhang

Anmerkungen und Verweise

(1) Der Frieden von San Stefano bestimmte die sofortige Unabhängigkeit von Serbien, Montenegro und Rumänien. Bulgarien sollte um Ostrumelien und Makedonien bis an die Ägäis ausgedehnt werden, zwei Jahre unter russischer Besatzung stehen und anschließend ein autonomes, aber der Türkei tributpflichtiges Fürstentum werden. Russland sollte in Europa Teile von Bessarabien (für die Rumänen mit der Dobrudscha entschädigt werden sollte) und in Kleinasien Teile von Armenien sowie die osmanischen Provinzen Kars, Batum und Ardahan erhalten. - (zurück zum Text)

(2) Im Organischen Reglement wurden Mitte des 19. Jahrhundert erstmals Aufgaben der Verwaltung, der Justiz und des Militärs gegenüber der christlichen, bzw. nicht muslimischen Bevölkerungim Osdmanischen Reichdefiniert. Ursprünglich vorwiegend für die Donaufürstentümer bestimmt, wurde es ab 1878 der Pforte von den Großmächten zur bindenden Verwaltungsreform innerhalb des osmanischen Reichs gemacht. - (zurück zum Text)

(3) Vilayet (arab. wilâya = Herrschergewalt) Großprovinz des Osmanischen Reiches in der Reformperiode ab 1845, aus mehreren Sandschaks bestehend.
Was die erwähnte Araberkolonie anbelangt, dürfte es sich dabei um ägyptische Einwanderer vom nahen afrikanischen Festland handeln, zumal Kreta von 1821 zwanzig Jahre unter ägyptischer Verwaltung stand. - (zurück zum Text)

(4) Die Hohe Pforte war ursprünglich im Arabischen Sprachraum die allgemeine Bezeichnung der Eingangspforte zu Städten und königlichen Palästen, später insbesondere die zum Sultanspalast in Konstantinopel. Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff zur Bezeichnung des Sitzes des osmanischen Großwesirs, beziehungsweise der Osmanischen Regierung. im Gegensatz zum Hof des Sultans, - yildiz, verwendet. - (zurück zum Text)

(5) Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert - Seite 39 (Goluchowski an Pinter, Wien 27.5. 1896 PA 12, 277). - (zurück zum Text)

(6) Ebenda - Seite 39 (Marine-Sektion des Kriegsministeriums an "Maria Theresia" in Canea, Wien 10. 8. 1896, PA 12, 279). - (zurück zum Text)

(7) Alan Palmer, Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches, München 1992 - Seite 263-(zurück zum Text)

(8)- Ebenda - Seite 43 - Sinngemäße Übersetzung des frazösischen Textes der Kollektivnote der Botschafter. - (zurück zum Text)

(9) Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert - Seite 49 - Erlass Goluchowsky an den österreichischen Botschafter in London, um Salisbury umzustimmen. - (zurück zum Text)

(10) Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert - Seite 50 (Zirkularnote Goluchowskis, Wien, 31. 7. 1896, PA 12,278). - (zurück zum Text)