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Österreichs Friedensmission auf Kreta 1897 - 98

Gegenwärtig sind mehr als die Hälfte der insgesamt 1294 im Auslandseinsatz stehenden österreichischen Soldaten allein im Kosovo und Bosnien-Herzegowina eingesetzt. Das zeugt von der Bedeutung, welche die österreichische Sicherheitspolitik der Balkanregion entgegenbringt.
Das war alle3rdings nicht immer die politische Haltung der Österreichischen Bundesregierung, denn als sie im Februar 1992 vom UN-Sicherheitsrat um eine militärische Beteiligung an derUnited Nations Protection Force (UNPROFOR) für Bosnien-Herzegowina und Kroatien ersucht wurde , hatte sie unter Hinweis auf historische Rücksichten eine Teilnahme ausgeschlossen.
Dass dies eine Fehlentscheidung war, lag auf der Hand, zumal die Enthaltung aus historischen Rücksichten im krassen Widerspruch zum bisherigen Kurs der Befürwortung des Seperatinsbestrebens der Jugoslawischen Teilrepubliken stand. Bekanntlich hatte sich der damalige Außenminister Mock im Verein mit seinem Amtskollegen Genscher vehement für die internationale Anerkennung Sloweniens und Kroatiens stark gemacht.
Spätestens nach dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union war Österreich gezwungen diesen Fehler zu revidiern und die Verantwortung für die Folgen des Zerfalls des jugoslawischen Vielvölkerstaates, der schließlich aus der k.u.k. Donaumonrchie hervorgegangen war, mitzutragen. Wie die weitere Erfahrung zeigte, hatte es sich gelohnt, wie die hervorragenden Wirtschaftsbilanzen nach der Osterweiterung gezeigt haben, anstelle kleinkarierter nationaler Empfindlichkeiten, sich zu dem historischen Verantwortungsbewusstsein zu bekennen, das aus jahrhundertelangen Beziehungen entstanden ist.
Österreichs Rolle in der Balkanpolitik des 19. Jahrhunderts mag zwar von den imperialen Vorstellungen, die dieser Epoche eigen waren, getragen sein, im Wesentlichen aber bewiesen die Politiker der Donaumonarchie ein erstaunlich hohes Maß an Verantwortungsgefühl, das ihr politisches Handeln und ihr rechtsstaatliches Denken bestimmte und nicht von wahltaktischen Überlegungen abhängig machte. Auch im diplomatischen Verkehr der Staaten ist eine gewissen Handschlagsqualität erkennbar, die es ihnen vor allem erleichtert, einen Konsens zu finden und ihre oft divergierenden Interessen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Die Art un Weise, wie ein Krisenmanagement von der gleichen Brisanz wie die der Balkankrise von 1992/95, gute hundert Jahre zuvor abgewickelt wurde, beweist uns, dass die damals hendelnden Großmächte die Bezeichnung Europäisches Konzert zurecht erhalten haben.
Bemerkenswert für diese Zeit ist auch die Berichterstattung der Presse, für die der Wahrheitsgehalt und die Objektivität absoluten Vorrang vor einer Sensationsreportage hatte. Dies ist auch der Grund, dass sich die folgenden Ausführungen neben anderen Quellen auch auf Presseberichte stützen, die der Wiener Abendpost als repräsentative zeitgenössische Tageszeitung entnommen sind.

Inhaltsverzeichnis
  1. Das Europäische Konzert und der Berliner Kongress
  2. Der Vertrag von Halepa 1878
  3. Der Aufstand von 1896
  4. Die Intervention der Griechen
  5. Die Landung
  6. Die Seeblockade und der Admiralsrat
  7. Der Krieg der 30 Tage
  8. Die Internationale Friedenstruppe
  9. Die Wahlen zur Generalversammlung
  10. Das provisorische Verwaltungsstatut
  11. Der Abzug der Österreicher
  12. Die provisorische Regierung
  13. Die Republik Kreta
  14. Die Ablösung des Prinzen
  15. Schlussakkord des Europäischen Konzerts
  16. Anmerkungen und Verweise

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Das Europäische Konzert und der Berliner Kongress

Das Streben nach Kollektiver Sicherheit durch die Bildung internationaler Kontrollmechanismen, wie sie beispielsweise im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegeben sind, ist keineswegs eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts und eine Folge der beiden Weltkriege. Schon im Westfälischen Frieden von 1648 lässt sich der Versuch erkennen, Sieger wie Verlierer Regeln zu unterwerfen, die es ihnen erschweren sollten, einen neuen Krieg zu beginnen. Es war ein erster, wenn auch wenig erfolgloser Versuch, weil die beteiligten Staaten, - allen voran Frankreich, - in erster Linie daran interessiert waren, diese Regeln, zu umgehen. Als sich nach den Napoleonischen Kriegen 150 Jahre später die Siegerstaaten und das besiegte Frankreich zum Wiener Kongress Europa einfanden, um Europa eine neue Friedensordnung zu geben, ist erstmals ein ehrlicher Konsens zu erkennen, auch wenn er nur in der Restauration der alten Herrschaftssysteme bestand. Obwohl das Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution der Bevölkerung der beteiligten Staaten fußgefasst hatte, bedurfte es erst der Revolutionsjahre von 1830 und 1848 um den Architekten der Heiligen Allianz, Österreich, Russland, Frankreich und Preußen, das Ablaufdatum ihrer konservativen Herrschaftssysteme vor Augen zu führen und sich an fortschrittlicheren Staats- und Gesellschaftsformen zu orientieren. Doch auch dazu musste man sich vorerst zusammenraufen, um die Machtverhältnisse in Europa neu zu regeln, oder, um es präziser auszudrücken, Österreich von seiner zentralen Stellung zu entfernen. Nach den kurzen, aber blutigen Kriegen von 1859 und 1866 war für das neue Königreich Italien der Vorhang auf der europäischen Bühne aufgegangen und der Hinauswurf Österreichs aus dem Deutschen Bund, dank der Regie des preußischen Staatskanzlers Bismarck, vollzogen. Unter seiner Inszenierung endete auch das Kaiserreich Napoleons III. um mit einer glanzvollen Prämiere im Spiegelsaal von Schloss Versailles dem Deutschen Kaiserreich einen Platz an der Sonne zu sichern.1
Mit dieser letzten Inszenierung waren die Machtverhältnisse in Europa, zumindest was die weiteren 40 Jahre betrifft, neu verteilt und die Rangordnung der Großmächte zum Europäischen Konzert hergestellt.

Während in Mitteleuropa und Italien noch die Machtkämpfe um die Herrschaft im Gange waren, vollzog sich in Südosteuropa mit dem erfolgreiche Freiheitskampf der Griechen, die ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erkämpfen konnten, ein nicht weniger dramatischer politischer Wechsel, zu dem die Großmächte England, Frankreich und Russland wesentlich beigetragen hatten.
Mit der Gründung des Königreichs Griechenland hatten sie nicht nur die Patenschaft, sondern auch die Verantwortung über die gesamte Region übernommen, der sich auch die anderen Mitspieler im Europäischen Konzert nicht entziehen konnten. Dass Österreich dabei eine dominierende Rolle spielte, ergab sich aus seinen Beziehungen mit dem Osmanischen Reich, die nach den kriegerischen Auseinandersetzungen dreier Jahrhunderte, sich zu normalisieren begannen. Dazu hat nicht zuletzt die neutrale Haltung Österreichs während des Krimkrieges von 1853/56 und der darauf folgenden Friedenskonferenz von Paris beigetragen, in der das Osmanische Reich in die Reihe der Großmächte aufgeommen wurde.2
Wie sehr eine Stabilisierung der Lage vonnöten war, zeigt der anhaltende Freiheitsgedanke der christlichen Bevölkerung des europäischen Teil des Osmanischen Reiches, die dem Beispiel der Griechen zu folgen trachteten. Das gilt vor allem für den europäischen Teil des Osmanischen Reiches, dessen mehrheitlich aus Christen bestehende Bevölkerung dem Beispiel Griechenlands folgend, die Unabhängigkeit von der Herrschaft des Sultans anstrebten. Eine latent herrschende Unzufriedenheit über die Verwaltung und die sehr unterschiedliche Vorgangsweise der Behörden führten immer wieder zu Aufständen, verbunden mit Massakern, die gleichermaßen von Aufständischen wie den türkischen Truppen im verübt wurden.
So war auch die unter osmanischer Herrschaft stehende Insel Kreta in den Jahren 1857, 1866-68, 1879 und 1889 Schauplatz zahlloser Revolten, welche die Selbstbestimmung und den Anschluss an das Königreich Griechenland, zum Ziel hatten.
Als in den Ausgehenden 70er-Jahren der gesamte Balkan in Aufruhr stand und nach dem Eingreifen Russlands, das sich als Schutzmacht der orthodoxen Christenheit sah, die Türken den Friedensvertrag von San Stefano schließen mussten, waren sich die Großmächte einig, dass die Region eine neue und dauerhafte Friedensordnung erhalten müsse.3
Dazu versammelte sich das Europäische Konzert, Großbritannien, Frankreich, Italien, Russland, Deutschland, Italien und Österreich auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck am 13. Juni 1878 zum Berliner Kongress. Neben den Großmächten und den Abgesandten des Osmanischen Reichs waren auch die Vertreter Griechenlands, Rumäniens und Serbiens, die zwar kein Stimmrecht hatten, anwesend.
Das Ergebnis der Beratungen war der Berliner Friede vom 13. Juli 1878, der die Fürstentümer Rumänien, Serbien und Montenegro, für souverän und Bulgarien als Fürstentum unter osmanischer Oberhoheit erklärte. Durch diese Gebiets- und Herrschaftsveränderungen wurde die Macht der Türkei in Europa und Asien erheblich geschwächt, aber auch der Einfluss Russlands zu Gunsten Österreichs eingeschränkt, indem es mit der Okkupation Bosniens und der Herzegowina beauftragt wurde.
Um den Türken die erlittenen Enttäuschungen etwas zu mildern, wurden die Ansprüche der Griechen auf Gebiete nördlich von Thessalien abgewiesen und auf spätere Zeiten vertröstet, der Anschluss von Kreta aber kategorisch abgelehnt. Dafür aber wurden die Türken verpflichtet, das seit 1868 geltende organische Reglement gewissenhaft zur Anwendung zu bringen und dabei die etwa billig erscheinenden Abänderungen zu treffen. Dieses Reglement mussten die Osmanen nach Beendigung des griechischen Freiheitskampfes und unter dem Druck der Großmächte erstellen, um die rechtliche Gleichstellung und Religionsfreiheit aller Untertanen des Sultans zu gewährleisten und galt für für die europäischen Provinzen der Türkei.
Im Einzelnen sollte dadurch die Bestellung der Gouverneure (Walis) und der Provinzialbeamten, die möglichst aus den Einwohnern der betreffenden Provinz (Wilajet) stammen sollten, verbessert und ein Generalrat als Volksvertretung eingesetzt werden. Weiters sollte eine Reihe von Reformen im Bedreich der Justiz, - Gerichtsverhandlungen mussten öffentlich geführt und in der Landessprache abgehalten werden, - für mehr Rechtsstaatlichkeit sorgen.
Wie so alles in dem Riesenreich der Osmanen, erfolgte die Umsetzung dieses Organischen Reglements nur schleppend oder gar nicht. 4

Berliner KongressAm 13. Juni 1878 eröffnete Bismarck den Berliner Kongress. Die Großmächte entsandten je 2 Vertreter: Graf Andrássy und Heinrich von Haymerle (1828-1881) für Österreich-Ungarn, Benjamin Disraeli (1804-1881) und Robert Arthur Salisbury für Großbritannien, Alexander Gortschakow (1798-1883) und Peter Schuwalow (1830-1903) für Russland, William Henry Waddington (1826-1894) und Paul Desprez für Frankreich, Alexander Carathéodory und Mehmed Ali für die Türkei. Die in Berlin akkreditierten Botschafter dieser Länder nahmen als weitere Bevollmächtigte an den Verhandlungen teil. Italien war mit nur zwei Bevollmächtigten vertreten: Luigi Corti (1823-1888) und Eduardo de Launay.
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Der Vertrag von Halepa 1878

Aus dieser von der Hohen Pforte 5 übernommenen Verpflichtung zur Verbesserung der politischen Bedingungen auf Kreta, entstand der Vertrag von Halepa vom 15. Oktober 1878. Er beinhaltete ein Autonomiestatut, das anstelle des von der osmanischen Administration abhängigen Generalrates, wie er in im Organischen Reglement von 1868 vorgesehen war, die Bildung einer Generalversammlung vorsah, von deren 80 gewählten Abgeordneten 49 Christen und 31 Moslems sein sollten. In der Generalversammlung, wie auch vor Gerichten, sollte Griechisch als einzig zugelassene Amtssprache gelten; weiters sollten die Gerichte von der Exekutive unabhängig sein. Eine neue Steuerornung sah vor, dass nur mehr die Hälfte der Nettoeinnahmen der Insel an die Staatskasse zu zahlen waren, während die andere Hälfte für öffentliche Arbeiten auf der Insel zu verwenden wäre.6
Mit der Bestellung von Gouverneur Adossides Pascha hatte die Pforte bereits zuvor die Bestellung eines christlichen und den Großmächten genehmen Statthaltes vorweggenommen, der bereits in des Sultans Namen die Verhandlungen mit den Kretern unter Vermittlung des britischen Konsuls Sandwith führte.
War schon Sultan Abdülhamit II. 7 nicht gerade ein Reformgeist, waren seine Beamten und Statthalter weidlich bemüht, die Umsetzung des Vertrages zu verschleppen. Vor allem ging es ihnen darum, die alte Form der Besteuerung so lange wie möglich zu nutzen und in die eigenen Taschen zu wirtschaften. Es scheint, dass der restrektive Einfluss der Administration auf den Sultan seine Wirkung nicht verfehlt hatte, als er 1889 den Vertrag von Halepa durch eine oktroyierte Verfassung, in der von Autonomie keine Rede mehr sein konnte, ersetzen ließ.8

Abdülhamit II.<<Bild links
Abdülhamit II. geb. 21. September 1842 in Istanbul; gest. 10. Februar 1918 ebenda, war vom 31. August 1876 bis zum 27. April 1909 Sultan des Osmanischen Reiches. Er war der zweite Sohn des Sultans Abdülmecid und folgte seinem Bruder Murad V. nach dessen Absetzung auf den Thron. Von der Jungtürkischen Revolte zur Abdankung 1909 gezwungen, galt er in der westlichen Welt als Inbegriff des orientalischen Despoten, wie ihn auch der Cartoonist des Punch, Lindsay Sandemann, in Erinnerung an die Massaker an den Armeniern vom August 1896 darstellte, ein Erscheinungsbild, das der Sultan nie wieder los wurde.
Der Schlächter

Um eine Vorstellung über die damaligen Verhältnisse zu erhalten, dürfte eine zeitgenössische Landesbeschreibung aus Meyers Konversationslexikon von 1888 diese am anschaulichsten vermitteln: Fast nur in der Stadt Kandia findet man wirkliche Türken, ferner bei Kanea eine Araberkolonie von einigen tausend Seelen.
Die der griechischen Kirche angehörigen Bewohner stehen unter 15 Bischöfen. Gewerbefleiß, Handel und Schifffahrt liegen danieder; die unter venezianischer Herrschaft noch so blühenden Häfen sind fast alle versandet, die meisten Städte liegen in Trümmern. Der Haupthafen und Haupthandelsplatz ist die Stadt Kanea westlich von Kandia, in der danach benannten Bucht. Administrativ bildet die Insel mit den umliegenden Eilanden Dia, Gavdos, Gavdopulo ein türkisches Wilajet, das in die fünf Sandschaks Kandia, Kanea, Laschid, Retimo und Sphakia zerfällt.
9
Diese Beschreibung bestätigt uns, dass es nach der Eroberung durch die Osmanen kaum zu einer nachhaltigen Ansiedlung von Türken gekommen ist. Der hohe Anteil an Moslems erklärt sich vielmehr aus der Tatsache, dass ein erheblicher Teil der ansässigen Bevölkerung mehr oder weniger freiwillig den Islam angenommen hatte, ein Vorgang, wie er auch in bei den Balkanvölkern zu beobachten war. Wie sehr die Eroberer diese Übertritte beeinflusst haben, lässt sich teilweise aus deren Praxis, Christenkinder zu loyalen Osmanen heranzuziehen, wie beispielsweise die Janitscharen rekrutiert wurden, ableiten. Die Übertritte Erwachsener erfolgten jedoch aus eher opportunistischen Gründen, weil man eben als Moslem die besseren wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen erwarten durfte.
Für diese Besserstellung hatten die Konvertiten allerdings auch ihren Preis zu zahlen. Anfänglich von den christlich gebliebenen Familien nur verachtet, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Parallelgesellschaft, deren scheinbar friedliches Nebeneinander, jederzeit in blanken Hass umschlagen konnte.10

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Der Aufstand von 1896

Es währte immerhin 6 Jahre, bis der Unmut der Kreter sich wieder einmal in einem Aufstand Luft machte. Dazu bedurfte es nicht nur der Erbitterung über die Übergriffe türkischer Truppen, die anstatt die Lage zu beruhigen, mit gewohnter Brutalität gegen die Bevölkerung vorgingen, den anderen Teil trug das griechische Mutterland bei, das neben der Anfeuerung zum nationalen Zusammenschluss, mit handfesten Waffenlieferungen und Finanzmitteln den Aufstand den nötigen Rückhalt bot. In kurzer Zeit hatten einige Tausend Aufständische die türkischen Garnisonen eingeschlossen um der damals üblichen Praxis folgend über die muslimische Bevölkerung herzufallen.
Für Österreich bedeutete dieser Aufstand die Bedrohung wesentlicher politischer und wirtschaftlicher Interessen. Neben dem Konsulat und seinen Angestellten in Canea, gab es zahlreiche Post- und Handelsagenturen in den anderen Städten, in denen österreichische Staatsbürger tätig waren. Weiters hatte das österreichische Konsulat auch die Interessen der deutschen Staatsbürger wahrzunehmen und für deren Schutz zu sorgen.
Das galt auch für die anderen Mitspieler im Europäischen Konzert indem sie die nötigen Maßnahmen zur Sicherheit ihrer Staatsangehörigen auf der Insel eingeleitet und mehrere Schiffseinheiten vor Kreta versammelt hatten.

RebellenTuerken

Der nächste Schritt im Krisenmanagement des Europäischen Konzert war etwas komplizierter, denn es galt eine gemeinsame Linie ür ein kollektives Vorgehen gegenüber der Pforte zu finden. Dank der Initiative des österreichischen Außenminister Graf Goluchowski konnte man sich auf eine Erklärung einigen, die der Doyen des Diplomatischen Korps in Konstantinopel der österreichische Botschafter Calice dem Sultan vortrug.
"Sollten sie (die osmanische Regierung) der griechischen Mehrheit auf Kreta nicht Autonomie gewähren, werde es ernste Unruhen in ganz Thessalien, Epirus und Makedonien geben, und die Großmächte könnten gezwungen sein, einen neuen Kongress einzuberufen und den osmanischen Ländern eine neue Ordnung aufzuerlegen." 11
Im Detail beinhaltete der Vorschlag die Wiederherstellung der Autonomie im Sinne des Vertrages von Halepa und die Entsendung eines neuen Gouverneurs.
Das Programm enthielt auch die Bestimmung dass zwei Drittel der öffentlichen Ämter mit christlichen Kretern zu besetzen seien und die Gendarmerie unter Aufsicht eines europäischen Beauftragten zu reorganisieren sei. Am 25. August unterzeichnete Abdülhamit das Dekret, mit dem er diesen Reformvorschlägen seine Zustimmung gab. Am Tag darauf begannen sich die Ereignissen zu überstürzen:
Eine Gruppe armenischer Extremisten überfiel die Zentrale der Ottomanischen Bank in Galata. Sie nahmen eine Methode vorweg, deren sich unzählige Terrororganisationen in den folgenden hundert Jahren weltweit bedienen werden. Sie brachten Sprengladungen am Gebäude an, nahmen Geiseln und forderten ähnliche Rechte für die Armenier, wie den Kretern zugestanden würden. Dank der in ihrer Gewallt befindlichen Geiseln konnten die Terroristen entkommen. Den in Konstantinopel lebenden Armeniern gelang das nicht, als der aufgehetzte Pöbel über sie herfiel und in einem Tage dauernden Gemetzel zwischen 5000 und 6000 Menschen ermordet hatte.
Unter dem Eindruck der Ereignisse in der Hauptstadt hatten die Agenten der geheimen griechischen Komitees auf Kreta leichtes Spiel, die schwelende Rebellion auf Flamme zu halten, zudem die angesagten Reformen auf sich warten ließen. Denn außer dem Eintreffen des neuen christlichen Generalgouverneurs Berovich Pascha blieb vorerst alles beim Alten.
Einzig das Reformprogramm der Kretischen Gendarmerie konnte dank des tatkräftigen Einsatzes des österreichischen Generalstabsoffiziers Major Wladimir Giesl, vorangebracht werden.12
Anfangs Jänner 1897 gelingt es den radikalen Elementen, die Stimmung gegen die Türken und die muslimische Bevölkerung weiter anzuheizen. In der Nacht vom 1. auf 2. Februar 1897 brannten Christliche Kreter einige moslemische Dörfer nieder und es kommt zu zahlreichen Ausschreitungen gegen deren Bewohner, die sich in die Städte Kanea, Retimo und Kandia flüchten. Es kommt zu heftigen Straßenkämpfen mit blutigen Verlusten auf beiden Seiten. Zwar versucht der österreichische Konsul Julius Pinter gemeinsam mit dem neuen Gouverneur Berovich Pascha mit den Aufständischen Kontakt aufzunehmen, um eine Einstellung der Kampfhandlungen zu erwirken, gerieten aber in das Kreuzfeuer beider Seiten und mussten ihr Vorhaben aufgeben.(13)
Konsul Pinter kommentiert auch das völlige Versagen der Ordnungskräfte, indem er dem Gouverneur den Vorwurf macht, die brisante Lage nicht rechtzeitig erkannt zu haben. 14
Berovich Pascha war offensichtlich überfordert, er erklärte seinen Rücktritt und begab sich auf ein russisches Kriegsschiff. Nachdem die Pforte keinen Ersatz finden konnte, - Karatheodory Pascha, der bereits einmal das Amt inne hatte, lehnte dankend ab, wie auch alle anderen angesprochenen Personen, die in diesem Posten nur einen gefährlichen Schleudersitz sahen.

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Die Intervention der Griechen

Inzwischen hatte sich eine Flotte von Kriegsschiffen der Großmächte versammelt, vorerst allerdings nur zum Schutz ihrer auf der Insel befindlichen Staatsbürger. Aus diesem Grunde, - zumindest nach Griechischer Auslegung, - befand sich auch das griechische Kriegsschiff Hydra, in der Bucht von Canea. Bald aber gesellte sich eine Flottille von Torpedobooten unter dem Kommando von Prinz Georg hinzu, der offenbar mehr im Sinn hatte, als Zivilpersonen zu evakuieren.
Offensichtlich provozieren wollte auch der Kommandant der Hydra, indem er bei den Kapitänen der internationalen Flotte anfragen ließ, was sie davon halten würden, wenn er die Stadt unter Artilleriebeschuss nehmen würde.
Dieses absurde Ansinnen wurde zwar nicht ernst genommen, führte aber dennoch zu einer unmissverständlichen Warnung der Großmächte an die griechische Regierung, dass ein derartiges Verhalten zum Krieg führen würde. Einen Krieg wollte man zwar provozieren, die Verantwortung aber den Türken überlassen. Diesen Gefallen wollte man den Griechen aber nicht erweisen, auch dann nicht, als der türkische Frachter Fuadmit Soldaten und Gendarmen an Bord beschossen wurde. Anstatt einer Kriegserklärung appellierte die Pforte an die guten Dienste der Großmächte und bat um eine energische Intervention.15
Nun lag es am Europäischen Konzert sich raschest auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen, was den Botschaftern an der Pforte in kurzer Zeit mit folgender Erklärung auch gelang:
Es besteht die Meinung, dass die bloße Behinderung feindseliger Akte nicht genügt, dass vielmehr in der Entfaltung der europäischen Flaggen auf Kreta selbst das einzige Mittel einer erfolgreichen Intervention zu finden und keine Zeit zu verlieren sei.16
Der österreichische Außenminister hatte bereits im Vorjahr erkannt, dass Griechenland die nächst beste Gelegenheit zur Annexion Kretas nützen würde und war mit dem Vorschlag an die Britische Regierung herangetreten, sich mit der Royal Navy den österreichischen, russischen, französischen und italienischen Flottenverbänden bei einer vorbeugenden internationalen Blockade Kretas anzuschließen, damit nicht griechische Nationalisten ihren Landsleuten zu Hilfe kämen. Aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung über die Massaker an den Armeniern vom August 1896, hatte Premierminister Salisbury jedoch abgelehnt.17
Außenminister Graf Goluchowski sollte Recht behalten.

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Die Landung

Der Aufstand hatte den Presseberichten der zweiten Februarwoche zufolge, inzwischen die gesamte Insel erfasst, der Schwerpunkt der Kämpfe aber richtete sich auf die Hauptstadt Canea und die von den Türken gehaltenen Stützpunkte auf Akrotiri und Halepa. Am 15. Februar 1897 landete eine griechische Invasionstruppe von etwa 2000 Mann in der Bucht von Kolimbari. Es war die gleiche Stelle wo vor 450 Jahren die Türken die Eroberung der Insel begannen. Ihr Führer, der griechische Oberst Timoleon Vassos, - vormals Adjutant König Georgs, - erklärt "Im Namen seiner Majestät Georgs I., König der Hellenen, okkupiere ich die Insel Kreta und gebe dies ihren Einwohnern ohne Unterschied der Religion oder der Nationalität bekannt." In weiterer Folge seiner Proklamation versichert er der Bevölkerung, deren Ehre, ihr Leben und die Wohlfahrt zu schützen und ihre Religion zu respektieren und Frieden und Gleichheit der Rechte zu bringen. Da die Landung vorerst nicht bemerkt wurde, konnten die Griechen vereint mit den aufständischen Kretern die türkischen Forts auf der Halbinsel Akrotiri im Handstreich nehmen und die Griechische Flagge, - nun weithin sichtbar über der Bucht von Canea.
Diesem Ereignis widmet die Wiener Abendpost vom 16. Februar einen ausführlichen Artikel, der nicht nur das große Interesse der Medien, sondern auch deren bemerkenswert präzise und schnelle Berichtedrstattung unter Beweis stellt. Dergriffenem Bericht zufolge hatte der griechische Kriegsminister die Verantwortung über das Landungsunternehmen übernommen, allerdings nicht ohne sich vorher von Vassos Erfolg überzeugt zu haben, - im Falle eines Fehlschlages hätte er sich vermutlich aus der Sache herausgehalten.

RebellenBild links:

Manche dieser Rebellen kämpften schon in den Aufständen von 1879 und 1889.
Waffenlieferungen und der Zuzug weiterer Verstärkungen durch das griechische Mutterland sollte durch die Blockade unterbunden werden. Für finanzielle Unterstüzung sorgte die griechische Nationalpartei

Bild rechts: Die Erstürmung des Fort Malaxa.
Nachdem des Fort in Brand geschossen war, musste sich die türkische Besatzun zurück ziehen.

Malaxa

Kriegsrechtlich war mit dieser Invasion der Tatbestand eines feindlichen Aktes gegenüber dem Osmanischen Reich erfüllt, gleichgültig, ob die Truppe des Oberst Vassos als eine paramilitärische Freiwilligeneinheit oder reguläre Armeeformation anzusprechen war. Offenbar scheint eine dahingehende Klärung für die zeitgenössischen Nachrichtenquellen nicht sonderlich von Bedeutung gewesen zu sein, zumal es auf der Hand lag, dass es sich um eine Provokation handelte, hinter der der griechische Kriegsminister persönlich stand.
Dabei ging es schon längst um mehr, als die Annexion Kretas, zumal die Gelegenheit günstig war, die alten Gebietsansprüche auf Ostrumelien und Makedonien auf Kosten der Türken einzufordern. Zudem stand die Griechische Regierung unter Zugszwang, um einerseits den hartnäckigen Forderungen der Nationalisten nachzukommen und andererseits einen politischen Erfolg einzufahren, der dem nicht gerade populären Königshaus zu einem besseren Image verhelfen sollte.
Die Absicht der Griechen, die Pforte zu einer Kriegserklärung zu provozieren war allerdings fehlgeschlagen. Wie schon nach der Beschießung des türkischen Frachters, hatte sie nun endgültig den Schutz ihrer Interessen den Großmächten überlassen. In seltener Eintracht durch die ständige Botschafterkonferenz vereint, konnte nun nicht nur die Seeblockade zu verhängt, sondern auch Landungstreitkräfte auf der Insel eingesetzt werden.
In einer Kollektivnote vom 4. März wurde der Pforte und Griechenland mitgeteilt, dass ein Anschluss Kretas an das Königreich Griechenland nicht in Frage komme sondern unter der Aufsicht der Großmächte einen autonomen Status erhalten solle. Damit war das griechische Landeunternehmen ins Leere gegangen und Griechenland zum Abzug seiner Streitkräfte auggefordert. Für den Fall, dass diese unerfüllt bleiben sollte, würde die Blockade auch auf die griechischen Häfen ausgedehnt werden.18

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Die Seeblockade und der Admiralsrat

Als die Blockade am 21. März in Kraft trat, waren insgesamt 70 Schiffseinheiten in den Gewässern um Kreta versammelt. Großbritannien stellte mit 20 Schiffen das stärkste Kontingent, gefolgt von Italien mit 18 Einheiten. Österreich mit 16 Kriegsschiffen aller Klassen als drittstärkste Kraft ist kein Zufall, sondern entspricht dem damalige Kräfteverhältnis der Seemächte im Mittelmeer. Frankreich mit 10 und Russland mit 8 Schiffen lassen immerhin ihr großes Interesse an einer wirksamen Seeblockade erkennen. Mit dem Kreuzer "Kaiserin Augusta" war der Beitrag Deutschlands, das als aufstrebende Seemacht den Briten bereits Konkurrenz zu machen begann, eher bescheiden, aber auch nicht zufällig.
Der Grund für diese Zurückhaltung war eine Militärmission des deutschen Reichs, die mit der Reorganisation der türkischen Armee beschäftigt war, eine Tatsache, die in der Folge des Geschehens noch ihre Auswirkungen haben wird. 19
Das militärisches Oberkommando wurde vom Admiralsrat wahrgenommen, dem die 6 ranghöchsten Kapitäne der internationalen Flotte angehörten, den Vorsitz führte der italienische Admiral Canevaro.
Als Antwort an die Landung der Griechen verfügte der Admiralsrat noch am selben Tage die Entsendung von Marinetruppen in die Hauptstadt Canea, wie der österreichische Konsul Pinter meldet: um 9 Uhr werden auf den Wällen Caneas die Flaggen der Großmächte neben der ottomanischen gehisst. Weniger optimistisch klingt die Feststellung, drei Stunden von Canea entfernt stehen drei Bataillone griechischer Truppen mit 2 Geschützen.20
Der Admiralsrat, - ursprünglich als Provisorium eingesetzt, sollte er bis 1908 die Kontrolle über die Insel ausüben, - war sich darüber einig, dass zur Erfüllung der gestellten Aufgaben die bisher an Land eingesetzten Marineabteilungen nicht ausreichen würden und mindestens mehrere Infanteriebataillone und einige Batterien Feldartillerie erforderlich wären, um die etwa 30 000 Kretischen Insurgenten soweit in Schach zu halten, um weitere Massaker an den Türken zu verhindern. Das türkische Militär hatte sich mit Masse in die Städte Canea und Kandia zurückgezogen, wo auch die muslimische Bevölkerung Zuflucht gefunden hatte.
Der Auftrag der Blockadeflotte ist unmissverständlich, wie dem Befehl des österreichischen Kriegsministeriums an den Flottenkommandeur zu entnehmen ist: Die Kommandanten der k.u.k Kriegsschiffe in den kretischen Gewässern haben Befehl erhalten, in Übereinstimmung mit den Flaggenoffizieren der fremden Kriegsschiffe jedem feindlichen Akt der griechischen Schiffe entgegenzutreten, alles zu verhindern was geeignet ist den Aufstand zu fördern, also auch Landung von Munition, Proviant und Mannschaft... Gar nicht österreichisch klingt die weitere Weisung, bei der Beratung der zu diesem Befehl nötigen Maßnahmen, sich der schärfsten Richtung anzuschließen.21
Primär ging es dem Kommando darum, dem völkerrechtswidrigen Angriff griechischer Truppen demonstrative Maßnahmen entgegenzusetzen und mit der Beschießung der von den Aufständischen eroberten Festung Akrotiri die Einholung der griechischen Flagge zu erzwingen. Um diesen symbolischen Akt rankt sich eine Legende, die bis heute in allen möglichen Tourismusprospekten kolportirt wird. 22
Am 18. März erließ der Admiralsrat eine Proklamation, mit welcher der Bevölkerung die Absichten der Großmächte mitgeteilt wurden. Kernpunkt war die Zusage der vollständigen Autonomie unter der Souzeränität des Sultans, und in ihren inneren Angelegenheiten vollkommen frei von jeder Kontrolle der Pforte zu sein. Neben der Aufforderung zur Niederlegung der Waffen, stand auch die Zusicherung, jedem Einzelnen ohne Unterschied der Rasse und Konfession die Freiheit und Sicherheit seines Eigentums zu gewährleisten.
Am Tag vor der Kundmachung wurde, wie die Wiener Abendpost vom 18. März meldet, ein griechischer Schoner beim Ausladen von Kriegsmaterial vom österreichischen Torpedoboot Sebenico versenkt, nachdem die Griechen das Feuer eröffnet hatten. Die nächste Seite bringt ein anschauliches Lagebild dieser Tage. Inzwischen hatten die Regierungen der Großmächte die vom Admiralsrat angeforderten Truppenverstärkungen beschlossen und ihre Kontingente in Marsch gesetzt. Bis zum 26. März hatten die internationalen Landstreitkräfte haben eine Stärke von insgesamt 6570 Mann erreicht, im Einzelnen waren das 1595 Russen, 1540 Franzosen, 1440 Italiener, 1310 Engländer und 675 Österreicher. Die 10 deutschen Soldaten entsprachen genau dem schon eingangs erwähnten Zurückhaltung im Hinblick auf das Engagement der Deutschen Militärmission, dessen erste Ergebnisse das Europäische Konzert vor neue Aufgaben stellen werden.
Der Einschiffung des österreichischen Kontingentes in Triest und dem Empfang der internationalen Truppen auf Kreta widmet die Wiener Abendpost vom 26. März einen ausführlichen Artikel.
Während die internationalen Verbände ihre Einsatzräume bezogen, kamen die Großmächte auf Drängen des Admiralsrates überein, die Blockade auch auf das griechische Festland auszudehnen. Dies schien erforderlich, die Griechen zum Abzug ihrer Truppen aus Kreta zu bewegen. Doch es sollte anders kommen.

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Der Krieg der 30 Tage und seine Folgen für Kreta

Entgegen der landläufigen Auffassung der Geschichtsschreibung, nach der die Ereignisse auf Kreta, insbesondere die Landung griechischer Truppen die osmanische Regierung provoziert hatten, gegen Griechenland militärisch vorzugehen, waren es die massiven Grenzverletzungen der Griechen an der Nordgrenze. Dass sich die Türken provozieren ließen, ist ebenfalls nicht zutreffend; immerhin ließ sich die Pforte, ehe sie am 9. April den Griechen den Krieg erklärte, von den Großmächten bescheinigen, dass sie das Vorgehen der Griechen in Thessalien als völkerrechtswidriger Akt verurteilten.

BalkanDer Griechisch-Türkische Krieg von 1897

Nun zeigte sich, was die deutsche Militärmission und General von der Goltz den Türken beigebracht hatte. Ein erster Vorstoß der griechischen Armee am Meluna-Paß wurde durch zahlenmäßig überlegene türkische Verbände aufgehalten, die dank des neuen Mobilisierungssystems ihre Kräfte für die Griechen völlig überraschend konzentrieren konnten.
Der ebenso unerwartete Gegenangriff traf die griechische Front am 23. April, dem vierten Tag des Krieges bei Larissa mit voller Wucht:
In wenigen Minuten verwandelte sich die Armee von einer organisierten und disziplinierten Einheit in eine brodelnde, unorganisierte Masse, die Hals über Kopf über die Ebene in Richtung Larissa floh, über eine Entfernung von fast vierzig Meilen, beschrieb Prinz Nikolaus, dritter Sohn König Georgs seine Feuertaufe als Kommandeur einer Artillerieabteilung , erinnerte. Das ganze Debakel selbst hatte sein Bruder Kronprinz Konstantin zu verantworten, der den Oberbefehl hatte.
Kurz vor den Thermophylen gelang es zwar den Griechen sich zu sammeln und den Gegner in einer von General Smolenski heldenhaft geführten Verteidigungsschlacht bei Valestino zum Stehen zu bringen. Eine weitere Niederlage der Griechen bei Pharsalos und die Besetzung des Hafens von Volos brachten schließich die Gewissheit, dass der Krieg verloren war. Daran konnte auch die Eröffnung einer neuen Front in Epirus nichts ändern, zumal die Griechen nach einer neuerlichen Niederlage um Waffenstillstand ersuchen mussten. Der konnte schließlich Über die Vermittlung der Großmächte am 30. Mai 1897 unterzeichnet werden.
Das Bemerkenswerte an diesem kurzen Krieg waren nicht nur die überraschenden militärischen Erfolgen der Türken, sondern auch die Tatsache, dass er auch sozusagen unter der Aufsicht der Großmächte geführt wurde. Das fängt damit an, dass Griechenland als Aggressor offiziell verantwortlich gemacht wurde und endet in einem Vermittlungsprozess, der darauf abzielt, Gewinner wie Verlierer an der Leine zu halten. So mussten die Türken überzeugt werden dass die eroberten Gebiete in Thessalien wieder zu räumen waren, während die Griechen zur Zahlung einer Kriegsentschädigung gezwungen wurden und ihre Truppen auch von Kreta abziehen mussten.
Einen wirklichen Erfolg konnten nur die Kreter für sich buchen:
Die Pforte musste endgültig einer völligen Autonomie zustimmen. Sie musste auch anerkennen, dass die Insel vorläufig unter internationaler Verwaltung gestellt und durch eine internationale Truppe befriedet werden solle. Danach sollte Kreta als völlig autonome Provinz des Osmanischen Reichs von einem christlichen Hochkommissar regiert werden. Doch hier beginnen sich die Türken zu spreizen, indem sie versuchen, ihre Truppen zu verstärken und den ehemaligen Großwesir Djevad Pascha als neuen Militärkommandanten nach Kreta schicken. Der Truppentransport wurde durch die Blockade vereitelt, Djevad Paschas Dienstantritt aber konnte vom Admiralsrat nicht verhindert werden.
Ein Jahr lang war der Pascha bemüht, sich mit ausgesuchter Höflichkeit mit dem Admiralsrat zu arrangieren, gleichzeitig aber die gewohnte Taktik der Verschleppung zu praktizieren.23
Inzwischen hatte die katastrophale Niederlage der selbst ernannten Schutzmacht Griechenland ihren Eindruck auch bei den Kretern hinterlassen, was vor allem für jene Bevölkerungsschichten gilt, deren Interesse mehr der Normalisierung des Wirtschafts- und Geschäftslebens, als den vagen Verheißungen der griechischen Nationalisten galt.
Die noch vor Beginn des Krieges erfolgte militärische Besetzung durch die internationalen Landstreitkräfte und die Aufteilung in die erforderliche Kontrollzonen wurde nun ohne wesentliche Widerstände akzeptiert, zumal der Admiralsrat bemüht war, die Blockadebestimmungen so anzuwenden, dass die Versorgung mit Lebensmitteln und Handelsgütern auf der Insel sichergestellt waren.

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Die Internationale Friedenstruppe

Während auf dem griechischen Festland noch der Krieg im Gange war und die darauffolgenden Waffenstillstandsverhandlungen sich hinzogen, hatte die internationale Truppe alles zu tun, um vorerst die Parteien zu trennen.
Obwohl Oberst Vassos und sein griechisches Interventionskorps die Insel am 15. Mai geräumt hatten, wie es das Waffenstillstandabkommen vorgesehen hatte, standen noch immer an die 30 000 Insurgenten unter Waffen, jederzeit bereit über die schwachen türkischen Kräfte und die muslimische Zivilbevölkerung herzufallen.

Internationale Zone
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Die Wahlen zur Generalversammlung

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Das provisorische Verwaltungsstatut

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Der Abzug der Österreicher

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Die provisorische Regierung

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Die Republik Kreta

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Die Ablösung des Prinzen

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Schlussakkord des Europäischen Konzerts

 

 

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Anmerkungen und Verweise

(1)Das Deutsche Kaiserreich wurde am 18. Januar 1871 nach dem Sieg des Norddeutschen Bundes und der mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten im Deutsch-Französischen Krieg gegründet. Die feierliche Proklamation fand im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles statt.-(zurück zum Text)

(2)Der Dritte Pariser Frieden wurde am 30. März 1856 in Paris zwischen dem Osmanischen Reich und seinen Verbündeten Frankreich, Großbritannien und Sardinien-Piemont einerseits und Russland andererseits geschlossen. Der Friedensvertrag beendete den Krimkrieg von 1853 bis 1856.-(zurück zum Text)

(3) Der Frieden von San Stefano bestimmte die sofortige Unabhängigkeit von Serbien, Montenegro und Rumänien. Bulgarien sollte um Ostrumelien und Makedonien bis an die Ägäis ausgedehnt werden, zwei Jahre unter russischer Besatzung stehen und anschließend ein autonomes, aber der Türkei tributpflichtiges Fürstentum werden. Russland sollte in Europa Teile von Bessarabien (für die Rumänen mit der Dobrudscha entschädigt werden sollte) und in Kleinasien Teile von Armenien sowie die osmanischen Provinzen Kars, Batum und Ardahan erhalten.-(zurück zum Text)

(4) Stephan Verosta; Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzerts (1886- 1914) Seite 35. -(zurück zum Text)

(5) Die Hohe Pforte war ursprünglich im Arabischen Sprachraum die allgemeine Bezeichnung der Eingangspforte zu Städten und königlichen Palästen, später insbesondere die zum Sultanspalast in Konstantinopel. Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff zur Bezeichnung des Sitzes des osmanischen Großwesirs, beziehungsweise der Osmanischen Regierung. im Gegensatz zum Hof des Sultans, - yildiz, verwendet. -(zurück zum Text)

(6) Halepa, ein Vorort von Canea war damals Regierungsitz und Wohngegend der Konsulate und daher der geeignete Ort für ein Vertragswerk dieser Bedeutung. - (zurück zum Text)

(7) Abdülhamit II. (geb.21. September 1842 in Istanbul;gest. 10. Februar 1918 ebenda) war vom 31. August 1876 bis zum 27. April 1909 Sultan des Osmanischen Reiches. Er war der zweite Sohn des Sultans Abdülmecid und folgte seinem Bruder Murad V. nach dessen Absetzung auf den Thron. Von der Jungtürkischen Revolte zur Abdankung 1909 gezwungen, galt er in der westlichen Welt als Inbegriff des orientalischen Despoten. - (zurück zum Text)

(8) Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert (1886 - 1914) Monografie des österreichischen Konsuls Julius Pinter Seite 37 und 38. Pinter, 1852 geboren, Absolvent der Militärakademie Wr. Neustadt, der Kriegsschule und Generalstabsoffizier wurde 1862 zum österreichischen Konsul in Canea ernannt. - (zurück zum Text)

(9) Vilayet (arab. wilâya = Herrschergewalt) Großprovinz des Osmanischen Reiches in der Reformperiode ab 1845, aus mehreren Sandschaks bestehend.
Was die erwähnte Araberkolonie anbelangt, dürfte es sich dabei um ägyptische Einwanderer vom nahen afrikanischen Festland handeln, zumal Kreta von 1821 zwanzig Jahre unter ägyptischer Verwaltung stand. - (zurück zum Text)

(10) Die Gräueltaten während des Jugoslawienkrieges der 90er-Jahre beweisen, dass derartige Klüfte auch nach politischer und sozialer Gleichschaltung durch den Kommunismus nicht überwunden werden konnten. - (zurück zum Text)

(11) Alan Palmer, Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches, München 1992 - (zurück zum Text)

(12) Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert (1886 - 1914) Major im Generalstab Giesl war Militärattache in Konstantinopel; er wurde als militärischer Berater mit der Reorganisation der kretischen Gendarmerie betraut, danach dann zum Gesandten in Montenegro und Serbien ernannt. - (zurück zum Text)

(13) Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert (1886 - 1914) Bericht des öu Konsuls Julius Pinter (Seite 63) - (zurück zum Text)

(14)Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert (1886 - 1914) Bericht des öu Konsuls Julius Pinter (Seite 60 u. 61) - (zurück zum Text)

(15)Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert (1886 - 1914) Seite 66-(zurück zum Text)

(16)ebenda; Seite 68 - (zurück zum Text)

(17)Alan Palmer, Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches, München 1992-(zurück zum Text)

(18)Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert (1886 - 1914) Kollektivnote der sechs Mächte des Europäischen Konzerts vom 2. März 1897 (Seite 71 u. 72)-(zurück zum Text)

(19)Nach der Niederlage gegen Russland 1877/1878 sah sich der Sultan Abdülhamit gezwungen, ausländische Hilfe für die Reorganisation der osmanischen Streitkräfte in Anspruch zu nehmen, ein Ersuchen, dem das Deutsche Reich auf Empfehlung des Generalstabes und der Schwerindustrie nachkam. 1883 übernahm Oberst Colmar Freiherr von der Goltz die Leitung der Deutschen Militärmission im Osmanischen Reich. Unter seiner Leitung kam es zu einer Modernisierung der militärischen Struktur, des Mobilisierungssystems sowie zur Verbesserung der Befehlsübermittlung. -(zurück zum Text)

(20)ebenda; Bericht des österreichischen Konsuls Pinter vom 16. 2.1887; Seite 69. -(zurück zum Text)

(21)Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzert (1886 - 1914) Seite 72 Der Wortlaut dieses Einatzbefehles wurde mittels Zirkularerlass allen österreichischen Botschaftern bei den Großmächten mitgeteilt - (zurück zum Text)

(22) Nachdem der Flaggenmast durch mehre Treffer nicht mehr brauchbar war, stellte sich der Soldat Spyros Kayales-Kayaledakis selbst auf die Anhöhe und hielt die Flagge in den Wind, worauf das Feuer eingestellt wurde. Die Tat des Spyriakis wird bis heute als Nationalfeiertag der Insel begangen. - (zurück zum Text)

(23) Stephan Verosta; Kollektivaktionen der Mächte des Europäischen Konzerts (1886- 1914) Seite 137 - (zurück zum Text)

 

 

 

 

 

 

 

 

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