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70 Jahre Zweite Republik und wo wir heute stehen

Das Flüchtlingsproblem
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Flüchtlingspolitik, oder das Problem, mit der Schande zu leben.

Sofern man noch nicht ganz in unserer von Materialismus und Larmoyanz und Songkon-testhystereie dominierten Gesellschaft integriert ist, über muss es einem angesichts der in Österreich praktizierten Flüchtlingspolitik der Magen umdrehen.
In einem Land, in dem man vor 60 Jahren Heimatlose, Vertriebene, entlassene Kriegsgefan-gene und KZ-Häftlinge kreuz und quer herumzogen und man noch selbst auf der Flucht war, scheint man auf allen politischen Ebenen und Gesellschaftsschichten mit ein paar zehntausend Flüchtlingen nicht fertig zu werden.
Von den Schilderungen meines Vaters, der in Ostpreußen die Große Flucht vor den Sowjets miterlebt hatte, in Panik versetzt, hatten auch wir - Mutter und meine zwei Geschwister - un-ser Heil in der Flucht vor den Russen gesucht. Was es heißt das Haus und alles, was man nicht tragen konnte, einem ungewissen Schicksal zu überlassen, kann ich daher sehr wohl nachfühlen. Dass nach unserer Rückkehr noch alles unversehrt fanden, hatten wir nicht zu-letzt den politischen Ereignissen, deren 70-jähriges Jubiläum wie feiern, zu verdanken. Dass ein Jahrzehnt danach an die 200 000 Ungarn in Österreich Zuflucht suchten und auch fanden, war für die damalige Generation gleichermaßen Herausforderung, wie gewohnte Praxis der Bewältigung.
Als Soldat im Einsatz an der ungarischen Grenze, weis ich sehr wohl Bescheid, mit welcher Selbstverständlichkeit die Flüchtlinge versorgt und untergebracht wurden. Auch damals wird es Probleme gegeben haben, wie die Arbeiterzeitung vom 23. November berichtet:

Andau

Die Brücke von Andau

"Müsste ich je flüchten, so hoffe ich, dass es nach Österreich sein kann."
Das schrieb James M. Michener in seinem Buch Die Brücke von Andau.
Für 70.000 ungarische Flüchtlinge war die kleine Brücke über den Einserkanal im burgenländischen Seewinkel der Übergang in die Freiheit, und selbst als sie schon gesprengt war, gelang es noch vielen, über Balken und Trümmedrn kletternd, das rettende Ufer zu rerreichen.
"Es gab in ganz Andau keinen Raum, der nicht von Ungarn belegt gewesen wäre. Gaststätten, Schulen, Gemeinderäume, Kino und auch private Räume. Die Andauer waren Tag und Nacht unterwegs, um zu helfen," berichtet die Dorfchronik.
Derzeit erwartet man im Innenministerium bis zu 50.000 Asylanträge - nicht einmal das Doppelte vom Vorjahr, und verglichen mit den 200.000 Ungarn von 1956, der 162.000 Tschechen und Slowaken von 1968 und der über 100.000 Menschen aus Kroatien,Bosnien-Herzegowina und dem Kosvo, eine lächerlich geringe Zahl.
Von der Hilfsbereitschaft, die Österreich in der Vergangenheit auszeichnete, ist - mit rühmlicher Ausnahme einiger privater und NGO-Initiativen - kaum etwas zu bemerken. Die politische Debatte um die Asylwerber dreht sich hauptsächlich um Quoten, Zuständigkeiten und die Suche nach Quartieren.schreibt der Standard vom 23. Mai mit der wenig aufmunternden Bemerkung "Ob James M. Michener auch in das heutige Österreich so gerne geflüchtet wäre? Wohl kaum."

Zeiger oben
Text auszugsweise Der Standard vom 23. Mai 2015

Zeiger links die Arbeiterzeitung vom 23. November 1956

Wer sich der Mühe unterziehen will, weiter zu lesen, möge den obigen Link anklicken. Außer dem offenkundigen Elend und den zwangsläufigen Problemen einer Überforderung aller Be-troffenen - Behörden, Bundesheer, Hilfsorganisationen und Helfern aus der Bevölkerung - wird man kaum auf Anzeichen mangelnder Solidarität stoßen, wie sie sich im gegenwärtigen Schacher um Unterbringungsplätze vergleichsweise weiniger Zufluchtsuchender manifestiert.
Selbst angesichts des Flüchtlingsstroms, der in den 90er-Jahren als Folge der Balkankriege über Österreich hereinbrach, waren Solidarität und Hilfsbereitschaft die vorherrschenden Merkmale in der Bevölkerung, wie auch in der Politik.
Es war die Zeit der Gründung der Aktion "Nachbar in Not" die uns auch heute noch ausrei-chend Gelegenheit zu helfen und das Gewissen zu beruhigen gibt.
Was aber derzeit auf politischer Ebene vorexerziert wird schlichtweg eine Schande, wie unse-re Innenministerin Mickl-Leitner anlässlich des Kompetenzstreits zwischen Bund, Ländern und Gemeinden feststellt. Vor allem sind es die Gemeinden, bzw. ihre Bürgermeister und gleich gesinnten Mandatare, die, anstatt sich konstruktiv den Problemen zu stellen, ihre erworbenen Sitze in Gefahr sehen, weil sie auf eine xenophobe Wählerschaft angewiesen seien. Noch glaube ich, dass die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung Werte, wie Solidarität und Hilfsbereitschaft hoch hält und praktiziert.
Den vorläufigen Gipfelpunkt dieser beschämenden Haltung liefert der Vorsitzende des Ge-meindeverbands Mödlhammer im Interview der Zib2 vom 21. Mödlhammer schafft es inner-halb weniger Minuten sich mehrmals selbst zu widersprechen. Einmal beruft er sich auf die fehlenden Kapazitäten der Gemeinden, dann wieder behauptet er, jederzeit zur Aufnahme bereit zu sein, aber nicht die erforderlichen Einrichtungen zur Betreuung der Flüchtlinge zu haben. Wer aber nun geglaubt hat, dass Interviewer Armin Wolf Mödlhammer in gewohnter Manier zerpflücken würde, musste enttäuscht sein. Nicht einmal die Frage, was die Gemein-den im Laufe des vergangenen Jahres an Vorbereitungen unternommen hatten wurde gestellt.
So bleib es Mödlhammer auch erspart, Vorschläge zu machen oder gar Pläne zu unterbreiten. Zur Einstimmung auf diese von Zynismus geprägten Szene kamen die im strömenden Regen stehenden Zelte ins Bild.
Wenn nun unsere grün schwarze Tiroler Landesregierung aus diesem Trauerspiel durch die Bereitstellung eines Aufnahmezentrums erfreulicherweise eine konkrete Lösung vorzuweisen hat, bleibt noch immer die Frage offen, warum sich der Bürgermeister von Vamp dagegen sträubt Frundsbergkaserne als Flüchtlingsquartier anzuerkennen. Mangelnde Betreuung kann nur eine Ausrede dafür sein, dass er angesichts der kommenden Gemeinderatswahlen um sei-nen Sitz bangt.
Vor den Vorhang sollte der Bürgermeister von Linz geholt werden, weil er glaubt, dass die Hillerkaserne in Ebelsberg, die der Verteidigungsminister als Unterkunft angeboten hatte, zum Erst-Aufnahmezentrum durch die Hintertüre werden könnte.
Und wenn schon, Herr Bürgermeister. Ihrer Stadt Linz würde es anstehen, es der kleinen Ge-meinde Traiskirchen gleich zu tun. Ebelsberg kann auf eine langjährige Tradition in der Be-herbergung von Flüchtlingen zurückblicken, schließlich bin ich 1955 in diese Kaserne zur B-Gendarmerie eingerückt.
Den Gipfelpunkt aber bilden die Ratschläge jener Partei, die es fertig gebracht hatte, Gedan-kengut exhumiert zu haben, das vor 70 Jahren auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wurde. Ihren Repräsentanten - sie wollen anstatt Aufnahme von Flüchtlingen, das Problem im Ursprungsland lösen - sei empfohlen, sich dorthin zu begeben um ihre Vorschläge zu realisie-ren. Im Übrigen bleibt uns allen die Alternative, sich dem herrschenden Trend schicker Toleranz-tümelei und Vollkaskosicherheit hinzugeben oder sich dessen zu schämen, was uns diese Gesellschaft zu bieten hat.

Ihre Meinung hierzu interessiert mich - Sie können Sie mir gerne im Gästebuch mitteilen

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