Der unrühmliche Abzug der Österreicher

Nun hat man also doch ernst gemacht!

Eine Schießerei an der Bravoline hatte genügt, um das österreichische Bataillon aus der Gefahrenzone - zumindest die Bundesregierung glaubt eine solche auszumachen - in Sicherheit zu bringen:

Österreichs UN-Kontingent wird von den Golanhöhen abgezogen. Heftige Auseinandersetzungen zwischen syrischen Regierungstruppen und Rebellen an einem Grenzposten Donnerstag früh brachten das Fass zum Überlaufen, wie die "Krone" zu Mittag aus dem Verteidigungsministerium erfuhr. "Das Leben unserer Soldaten steht an erster Stelle", bekräftigte Bundeskanzler Werner Faymann dann am Abend den Entschluss, das österreichische Engagement am Golan aufgrund der "unkontrollierten und unmittelbaren Gefährdung" nach 39 Jahren zu beenden.
Diese Frohbotschaft verdanken wir der Kronenzeitung, die ihre Leserschaft schon informiert, noch ehe der Pulverdampf am Bravo Gate verraucht ist.
Was tatsächlich passiert war, berichtet der Sprecher im Verteidigungsministerium, Oberst Michael Bauer: Es wurde ein sogenannter Shelter- Alarm ausgelöst. Die Blauhelme zogen sieh daraufhin in die Bunker zurück. Bei den Einschlägen habe es sich aber um keinen gezielten Beschuss gehandelt, die Österreicher seien keiner unmittelbaren Gefahr ausgesetzt gewesen.
Weiters erfahren wir, dass einige Granaten im Camp Ziouani, dem Lager der Philipinos und Inder einschlugen und zwei Soldaten, ein Philipino und ein Inder, leicht verletzt wurden.
Im Mittagsjournal von Ö1 am Samstag dem 8. Juni, erklärte Außenminister Spindelegger, ausschlaggebend für die Abberufung sei gewesen, dass im Einsatzgebiet der UNO-Truppen mittlerweile "Kampfhandlungen ohne Rücksicht auf die UNO-Truppen stattfinden, dass die syrische Seite - sowohl bei den Rebellen als auch den Assad-Truppen - nicht mehr respektieren, dass die UNO unantastbar ist und einen Auftrag zu erfüllen hat".

Diese Feststellung unseres Außenministers veranlasst mich, einen vergleichenden Rückblick auf die Geschichte der österreichischen Auslandseinsätze anzustellen:

Sie beginnt im Dezember 1960 mit der Entsendung eines Sanitätskontigents in den Kongo, von dem ein Teil unmittelbar nach seiner Ankunft in Gefangenschaft der Rebellen geriet. Nach der vorgesehenen Dauer von 6 Monaten, und keinen Tag früher, kehrte das Kontingent nach Österreich zurück.
Vom Anfing an gefährlich war es 1973 am Suezkanal, wo die Österreicher ihren zugewiesenen Abschnitt in der Pufferzone, unter ständigem Artilleriebeschuss beziehen mussten. Es waren nicht immer nur verirrte Granaten, die im Nahbereich der Positions einschlugen, sondern es wurde auch gezielt geschossen, wie etwa auf den Wachsoldaten Karl Huber, der einen Oberschenkeldurchschuss erlitt. Mit weniger Glück hätte es auch ein Bauchschuss sein können.
Glück hatte auch der Kommandant der 1. Kompanie, als eine Panzergranate unmittelbar vor seinem Landrover einschlug.
Es brauchte fast 3 Monate, bis der Waffenstillstand tatsächlich eingehalten wurde, und unsere Patrouillen unbehelligt ihren Weg machen konnten. Nur die abertausend planlos in der Wüste verlegten Minen hielten sich nicht an den Waffenstillstand und forderten laufend ihre Opfer.

Friedl

Abb. links
Artikel derArbeuterzeitung vom 23.Jänner 1974
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Abb. rechts
Der zerstörte Landrover
Obwohl es nur eine sog. Schützenmine russischer Bauart war, wurde das Fahrzeug zertrümmert und es war ein reines Wunder, dass ich als Lenker unverletzt blieb.
Dass Friedls Bein nicht gerettet werden konnte, lag weniger an den zahlreichen Brüchen, sondern an den Folgen des mehrstündigen Transports nach Kairo.

Mine

Außer mehr oder weniger kritischer Kommentare in den Medien, wurde der Einsatz von Politik und Medien gleichermaßen mitgetragen, wie eine im Mai 1974 abgehaltene Presseveranstaltung im österreichischen Camp Suez beweist.
So hatte die Österreichische Bundesregierung keine Bedenken, ihre Zustimmung zur Entsendung des Österreichischen Bataillons nach Syrien zu geben. Hier gaben sich Israelis und Syrer noch heftige Artillerieduelle ehe das Abkommen über die Truppenentflechtung unterzeichnet war und man konnte keineswegs sicher sein, ob sich die Kriegsparteien an die neuen Spielregeln halten würden.
Und wieder waren es die Minen, die uns zuschaffen machten und schließlich kam es zum schwersten Unfall in der Geschichte österreichischer Auslandseinsätze. VierOsterreicher starben durch eine Panzermine auf einer Straße, die als minenfrei gemeldet wurde.

Unfall

Abb. links
Arbeiterzeitungg vom 26. Juni 1974
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Abb. rechts
Das zerstörte Fahrzeug
Drei der Insassen, die auf der Rückbank saßen, wurden etwa hundert Meter in das Kar geschleudert, und waren sofort tot.
Fahrzeugkommandant Hofer starb weinige Minuten nach Eintreffen der Bergemannschaft. Eine Bergung durch Hubschrauber, wie im Artikel fälschlich berichtet,gab es nicht.

Der zerstörte Landrover

Foto Klinger

Wenige Monate später wurde das Versorgungsflugzeug der UNDOF Buffalo durch die syrische Luftwaffe abgeschossen, sämtliche 9 Insassen, alles Kanadier, kamen ums Leben.

Wie schnell ein Einsatzgebiet, das bis dahin als Urlaubsdestinatin galt, zum Kriegsgebiet werden kann, zeigte sich, als im August 1974 türkische Truppen auf Zypern landeten und die UN-Pufferzone zu überrollen drohten.
Eines der ersten Ziele der türkischen Luftwaffe war ein österreichen Patrouillenfahrzeug. Nach einem Volltreffe ware alle drei Blauhelme getötet

Luftangriff Die türkische Intervention vom 20. Juli bis 14. August 1974
Nach einem Militärputsch und dem AnschlussVersuch an Griechenland greift die türkische Regierung als Garantiemacht auf Zypern ein. Die Am 14. August interveniert die Türkei abermals und besetzt Nikosia und Famagusta. erhebliche Landgewinne. Am 16. August 1974 um 18 Uhr wird das Feuer eingestellt und eine neue Pufferzone der UNFICYP eingerichtet. Außer den 3 Österreichern wurden noch 18 Blauhelme, Finnen und Engländer verletzt.
Protest

Der letzte Zwischenfall geschah vor wenigen Wochen im Zuge der letzen Rotation, als ein Transport auf dem Weg zum Flughafen Damaskus unter Beschuss geriet. Das geschah bereits in der Folge des seit 3 Jahren tobenden Bürgerkriegs.
Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich am Weihnachtstag 1973, als ein vollbesetzter Mannschaftstransportwagen (MTW) auf der Fahrt nach Kairo unter Artilleriebeschuss geriet.
Es war die israelische Artillerie, die sich für einen Feuerüberfall der Ägypter am Vortag revanchierte Dass unser Fahrzeug keinen Treffer erhielt, war lediglich der Geistesgegenwart des Fahrers zu verdanken, der das Fahrzeug in einen Graben lenkte und die Mannschaft abspringen konnte. Außer der obligaten Meldung an den Sicherheitsrat in New York, nahm die Öffentlichkeit keinerlei Notiz. Es war ja schließlich nichts passiert und die betroffenen Soldaten konnten ihren Kurzurlaub in Kairo trotzdem antreten.

Wenn unsre Politiker, insbesondere die Regierung, trotzdem eine unverhältnismäßig hohe Gefährdung der Truppe sehen, dann haben sie entweder nicht begriffen, das die Rahmenbedingungen jedes Auslandseinsatzes nicht gerade dem Sicherheitsbedürfnis unserer Wohlstandsgesellschaft entsprechen.
Offenbar haben sie auch übersehen, dass sich noch einige Hundertschaften Österreicher in anderen Missionen befinden:
KFOR Kosovo 360, EUFOR Bosnien 320, UNIFIL Libanon 179.
Weitere 43 Offiziere sind in verschiedenen Missionen als Beobachter oder Instrukteure, wie die 9 Soldaten in Mali tätig.
Von all diesen Missionen ist UNIFIL in Libanon - sie besteht bereits seit 1978 - die gefährlichste mit 250 Gefallenen und unzähligen Verletzten. Diese 179 Soldaten bilden zwar nur eine Transporteinheit, was aber nicht heißt, dass der eine oder andere Transport nicht in die Kämpfe involviert werden könnte. Man erkläre mir daher, warum man diese Leute nicht auch in Sicherheit bringen sollte.

Wenn heute kein Zweifel mehr besteht, das der Abzug der Österreicher aus rein wahltaktischen Gründen verfügt wurde, um der Opposition und dem Boulevard den Wind aus den Segeln zu nehmen, müsste das logischerweise auch für die anderen Missionen gelten. Doch Logik ist in einem Wahlkampf nicht gefragt, wie der Wiener Bürgermeister Häupl selbst zugibt, dass Wahlkämpfe Zeiten fokussierter Unintelligenz wären. Im Klartext heißt das, dass dem für blöd verkauften Wähler nichts übrig bleibt, als sich seiner Politikverdrossenheit hinzugeben.
Nun aber scheint auch unsere ohnehin schwächelnde Außenpolitik ins Gerede gekommen zu sein, nachdem der Endkampf um das anonyme Sparkonto in den letzten Tügen liegt.

1973 hatte der damalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim auf österreichisches Krisenmanagement in einer heiklen Mission gesetzt und Recht behalten. Dass man uns die Golan-Mission anvertraut hat, war das Ergebnis einer professionellen Performance am Suezkanal. Denn sowohl am Kanal als auch auf den Golanhöhen wurde die Truppenentflechtung von den Österreichern im Alleingang durchgeführt, wie auch der Aufbau der heute bestehenden vorbildlichen Infrastruktur mit viel Energie und noch mehr Improvisationsvermögen betrieben. Dass dies alles durch viele Jahre unter der Leitung österreichischer Forcekommander erfolgte, war auch kein Zufall. Nicht ohne Grund bezeichnete Generalsekretär Ban-Ki-Moon die Österreicher als Rückrat der Mission.

Wenn also Österreich innenpolitisch einem Kindergarten gleicht - siehe Kommentar des Standard vom 22./23. Juni…- sollte sich wenigstens der Außenminister um eine glaubwürdigere Position bemühen. Um einem Ban-Ki-Moon die Welt erklären zu wollen, bedürfte es zumindest eines Formats eines Bruno Kreisky und der grundlegenden Kenntnisse der Bestimmungen der UN-Resolution 350. Er müsste zumindest wissen, oder es sich von seinen Beamten erklären lassen, dass die UNDOF-Mission halbjährlich erneuert und modifiziert wird.
Der Entwurf über die nächste Mandatsverlängerung bis 31. Dezember 2013 liegt bereits im Text vor, dessen Punkt 5. der Sicherheitsrat aufgefordert wird, Maßnahmen zu prüfen, die die Stellung der UNDOF und deren Operationen verbessern, sowie die einschränkenden Bestimmungen der Selbstverteidigung einschließlich der Begrenzung der Einsatzstärke und der zur Selbstverteidigung erforderlichen Ausrüstung erleichtern solle.
(… to enhance the safety and security of UNDOF, including Observer Group Golan, personnel, and endorses in this regard the Secretary-General's recommendation to consider further adjustments to the posture and operations of the Mission, as well as to implement additional mitigation measures to enhance the self-defence capabilities of UNDOF, including maximizing the Force strength and improving its self-defence equipment, within the parameters set forth in the Protocol to the Disengagement Agreement;)
Anstelle der lächerlichen Drohungen im Zusammenhang mit der Aufhebung des Waffenembargos, wäre es daher sinnvoller gewesen, im Sicherheitsrat entsprechend Druck zur Erlangung eines robusteren Mandats zu machen. So aber versucht man das Mandat hinswichtlich seiner Wirksamkeit herunterzuspielenlediglich und der Öffentlichkeit weis zu machen, es ermögliche nur die Beobachtung und Meldung von Zwischenfällen.

Man könnte diese Aufstellung von absichtlicher oder leichtfertiger Publikumstäuschung beliebig fortsetzen - an der beschämenden Inszenierung des Vorganges wird sich nichts ändern. Ein Teil dieser Inszenierung ist das Begrüßungszeremoniell, das jedem heimkehrenden Grüppchen durch persönliche Anwesenheit des Verteidigungsministers zuteil wird. In früheren Zeiten stand da höchstens ein Großaufgebot an Zollfahndern, deren einziges Interesse den geschmuggelten Zigaretten und Spirituosen galt.

Ab heute, dem 27. Juni 2013 wissen wir auch, dass die Vereinten Nationen den Abzug der Österreicher akzeptiert und auf Sanktionen wegen Vertragsbruch verzichten werden. Ob das ein diplomatischer Erfolg der Regierung war, darf bezweifelt werden. Es war eher ein Zeichen des Respekts vor den Leistungen der österreichischen Blauhelme nach fast 40 Jähriger Präsenz auf dem Golan.

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Geschrieben und abgeschlossen am 27. Juni 2013

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